Unity-Forum
RegistrierungTeammitgliederMitgliederlisteHäufig gestellte FragenSucheZur Startseite Texte Homepage chat

Unity-Forum » :: Diskussionen :: » Le café unité » Obdachlosigkeit » Hallo Gast [Anmelden|Registrieren]
Letzter Beitrag | Erster ungelesener Beitrag | Druckvorschau | Thema zu Favoriten hinzufügen |
Neues Thema erstellen Antwort erstellen
Zum Ende der Seite springen Obdachlosigkeit  
Autor
Beitrag « Vorheriges Thema | Nächstes Thema »

quaid

their law


Obdachlosigkeit 03.08.2009 21:57 Diesen Beitrag einem Moderator melden Zum Anfang der Seite springen

heute habe ich mir in der bahn auf dem heimweg (durch das bahnchaos fahre ich gut 2 bis 2,5 std nach hause) eine ausgabe des strassenfeger gegeben.
einerseits lese ich gerne mal was in der langweiligen bahn. und andererseits denke ich, dass den leuten, die diese zeitung verkaufen, besser geholfen ist, als irgendwelchen verlegern sonstiger zeitschriften und zeitungen am kiosk.
am ende weiß man ja auch nie, wie es irgendwann für einen selbst wird.

aber wie hat man sich das leben als obdachloser vorzustellen?
man wird ja wohl nicht mehr unter der berühmten brücke schlafen müssen. es gibt wohl diverse einrichtungen, die eine übernachtung und verpflegung ermöglichen - zumindest vorübergehend.

und wie schlägt man sich durch?
ich sehe öfters wandernde straßenmusiker, die immer dieselbe musik spielen und dafür auf die ein oder andere spende erhoffen. oder man steht irgendwo am bahnhof selbst, oder vielleicht in einer einkaufsstraße.

und wie überwindet man seinen stolz, wenn er überhaupt zu überwinden gilt?
ich meine..man steigt in eine bahn ein - nicht als fahrgast, sondern als jemand, der in einer notsituation eine dienstleistung anbietet, wenn man so will. man gibt einen wesentlichen bestandteil seines derzeitiges lebens preis. und man muss die blicke oder ignoranz der leute ertragen.

und wie kommt es überhaupt soweit?
ich kann mir den moment nur schwer vorstellen, wo man realisiert, dass der job weg ist, und die wohnung weg ist und man nirgendwo mehr hin kann.

ich habe jetzt absichtlich einige aspekte offen gelassen, auch wenn ich selbst etwas dazu sagen könnte - in der hoffnung, dass wir das thema möglichst vielseitig beleuchten können und viele meinungen hören.
in diesem sinne..
Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen

Arne Reload



images/avatars/avatar-376.gif


RE: Obdachlosigkeit 04.08.2009 07:19 Diesen Beitrag einem Moderator melden Zum Anfang der Seite springen

Zitat:
Original von quaid


aber wie hat man sich das leben als obdachloser vorzustellen?
man wird ja wohl nicht mehr unter der berühmten brücke schlafen müssen. es gibt wohl diverse einrichtungen, die eine übernachtung und verpflegung ermöglichen - zumindest vorübergehend.


Dafür brauchst Du in einigen Städten auch Geld. Und da haste dann die Möglichkeit mit 40 anderen Besoffenen in einem Großschlafraum zu pennen. Besser ist es wohl, sich irgendwie in eine Bahn oder sowas zu verpissen, die lange durchfährt und da zu schlafen, erzählte mir mal ein Obdachloser.


Zitat:

und wie überwindet man seinen stolz, wenn er überhaupt zu überwinden gilt?
ich meine..man steigt in eine bahn ein - nicht als fahrgast, sondern als jemand, der in einer notsituation eine dienstleistung anbietet, wenn man so will. man gibt einen wesentlichen bestandteil seines derzeitiges lebens preis. und man muss die blicke oder ignoranz der leute ertragen.


Tja, wie überwinden wir unseren Stolz, uns um Arbeit zu bewerben?
Manchmal Tätigkeiten, bei denen man Menschen auch was verkaufen muss.
Und die Ignoranz der Menschheit muss man, glaube ich, ziemlich unabhängig davon ertragen, ob man obdachlos ist oder nicht.

Zitat:

und wie kommt es überhaupt soweit?
ich kann mir den moment nur schwer vorstellen, wo man realisiert, dass der job weg ist, und die wohnung weg ist und man nirgendwo mehr hin kann.
.


Och, zu realisieren, dass der Job weg ist, hat zumindest im ÖD noch immer knallende Sektkorken zur Folge, da gibt es fette Abfindung.
Also, das macht noch keine Obdachlosigkeit aus.
Das meiste geht eben flöten, ohne dass manche das realisieren. Man hat einen großen Anteil psychischer Behinderungen bei Obdachlosen, oftmal auch Suchterkrankungen, die eben dazu führen, dass man es nicht mehr gebacken bekommt, das alles zu regeln und wahrzunehmen, wie es angebracht wäre.
E-Mail an Arne Reload senden
Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen

quaid

their law


RE: Obdachlosigkeit 04.08.2009 10:35 Diesen Beitrag einem Moderator melden Zum Anfang der Seite springen

Zitat:
Besser ist es wohl, sich irgendwie in eine Bahn oder sowas zu verpissen, die lange durchfährt und da zu schlafen, erzählte mir mal ein Obdachloser.

ich sehe manchmal morgens auf dem weg zur arbeit die obdachlosen, die total besoffen auf 2 oder 3 sitze verteilt flach liegen und so krass stinken, dass sie im übertragenen sinne sogar 5 oder 6 sitze besetzen.
ausserdem hält sone aktion eh nur, bis mal ein kontrolleur kommt oder einer von der db-sicherheit, oder ^^

und guter punkt in sachen stolz! wenn man sich der täglichen ackerei hingibt und wie in einem automatisierten prozess den weg zur arbeit beschreitet, denkt man garnicht darüber nach, wie sehr man damit zum teil der arbeitsmaschinerie wird. allerdings wird das gesellschaftlich immernoch eher angesehen (egal welcher beruf) als keine arbeit zu haben - zumindest laut der öffentlich gängigen meinung, oder?

glaubst du, fast alle obdachlosen, die man da draussen so antrifft, haben entweder ein alkoholproblem, depressionen oder beides?
dem ersten anschein nach ergibt sich das eher aus der obdachlosigkeit heraus..eine ausweglos erscheinende situation.
Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen

Arne Reload



images/avatars/avatar-376.gif


05.08.2009 04:22 Diesen Beitrag einem Moderator melden Zum Anfang der Seite springen

Naja, es gibt schon einige Obdachlose, die es zumindest irgendwie hinbekommen haben durch Hilfe einen Schwerbehindertenausweis zu bekommen. Wenn die da als "aG", also "außergewöhnlich gehbehindert" beschrieben werden, dann dürfen die auch im Umkreis von 50 km jedes Nahverkehrsmittel frei benutzen. Und gerade Lähmungen sind nach jahrelangem Alkoholmißbrauch ziemlich häufig, so dass die früher relativ leicht an sowas gekommen sein könnten. (Heute knausern die zuständigen Versorgungsämtern dermaßen, dass ich auf meiner letzten Arbeitsstelle sogar einen wirklich starken Epileptiker hatte, der erst nach mehrmaligen Widersprüchen Freifahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln hatte).

Naja, auf öffentlich gängige Meinungen scheiße ich ja sowieso. Ich schätze auch, dass wir nach der Bundestagswahl einen extremen Mangel an Psychotherapeuten und Neurologen/Psychiatern haben werden, weil es sehr, sehr viele Menschen gibt, die sich ja NUR über ihren Job definieren.
Und da nach der BTW spätestens massenhaft von diesen Manschen, die sich jetzt nioch in der naiven Haltung wähnen, dass sie unverzichtbar für die Welt aufgrund ihrer Arbeit seien, werden die extreme Probleme auf der psychischen Ebene bekommen. Wenn die auch von Therapeuten keine Hilfe annehemn wollen (Ist ja auch eine landläufige Meinung, die einem selbst hier unterkommt, dass man meint, alle Menschen, die einen Psychologen brauchen, seien bekloppt oder irgendwie anders minderwertig.), dann sind das die Kandidaten für Alkoholsucht und spätere Obdachlosigkeit.

Und wer ein Alkoholproblem hat, hat irgendwann auch Depressionen.
Es gibt nur einen sehr kleinen Teil von Menschen, die z.B. aufgrund einer psychischen oder geistigen Behinderung das alles nicht gebacken bekommen und deshalb obdachlos werden.
Und ein wahtrscheinlich noch geringer Teil sucht sich sowas freiwillig aus.
E-Mail an Arne Reload senden
Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen

derSkeptiker



images/avatars/avatar-381.jpg


19.08.2009 15:05 Diesen Beitrag einem Moderator melden Zum Anfang der Seite springen

Ich denke, man muss unterscheiden, zwischen Obdachlosigkeit und Obdachlosigkeit. Ich selbst war zwei Jahre ofW (ohne festen Wohnsitz), was ja auf dem Papier obdachlos bedeutet. Einerseits, weil ich wissen wollte, wie es ist, nichts zu haben, wo man hin kann, wissen, wie sich viele auch in einem "reichen Land" fühlen (müssen) und weil ich wissen wollte, wie weit das (für mich) ertragbar ist.
Nun ist es allerdings so, dass ich nicht "getingelt" bin, also großteils an einem Ort blieb. Man hat Bekannte, die einen "durchziehen", geht klauen oder eben, wie es schon gesagt wurde, schnorrt. Und ja, das ist eine verdammte Überwindung. Ich habe es immer so gehalten, nicht alle Menschen zu fragen, sondern versucht, nach einer Art Symphatiefaktor im Gesicht zu urteilen, ob ich dem Menschen mit meiner Frage auf die Nerven gehe, ob es eine Chance gibt, etwas zu bekommen, oder ich gar einer aggressiven Reaktion ausgesetzt bin.
Natürlich kann man das nicht standartisieren und natürlich liegt man hin und wieder falsch, aber es hat zumindest jeden Tag insofern funktioniert, als dass ich nicht hungern musste.
Geschlafen habe ich, sobald das Klima es zuließ, im Wald, oder bei Bekannten. Im Winter ebenfalls oder eben in Abbruchhäusern.
Unterkünfte wie die Beschriebenen sind allgemein nicht sehr beliebt, weil, wie es schon erwähnt wurde, man mit vielen Menschen in einem Schlafsaal untergebracht ist, außerdem immer damit rechnen muss, dass einem das Zeug geklaut wird und man deswegen ohnehin unruhig schläft, sich an gewisse Regeln halten muss, die, gerade im Winter (wenn man trinkt, um warm zu bleiben) nicht wirklich hingenommen werden, denn es ist weitläufig so, dass ab einer gewissen Promillegrenze kein Einlass gewährt wird und es ein generelles Alkoholverbot gibt. Abgesehen davon gibt es nicht selten festgesetzte Zeiten für Nachtruhe.

Die Verschuldung kann viele Gründe haben. Man gerät, zum Beispiel durch Kündigung, Scheidung, andere schwere Tiefschläge im Leben in einen Teufelskreis, der nicht selten mit Alkoholismus einhergeht, kriegt einfach nichts mehr auf die Reihe, schafft es nicht, sich aufzuraffen und so geht es Schlag auf Schlag bis zur Räumungsklage. Ein weiterer Schlag und ein großer Schritt in Richtung entgültige Resignation.

Derzeit pennt ein Bekannter regelmäßig bei mir, der obdachlos ist. Aber wie gesagt, in einem kleinen Ort wie dem hier, hat man immer Leute, die einen durchziehen.

"Wenn die Sonne der Kultur tief steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten"
von Götz Alzmann abgewandeltes Zitat eines Tucholski- Spruches
E-Mail an derSkeptiker senden
Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen

Arne Reload



images/avatars/avatar-376.gif


19.08.2009 19:26 Diesen Beitrag einem Moderator melden Zum Anfang der Seite springen

Man muss aber auch mal sagen, dass das ein Dilemma der sozialen Arbeit ist in der BRD.

Z.B. hätte sich der Jugendliche, den ich jetzt betreue niemals zu der Maßnahme bereit erklärt, wenn seine Mutter ihm nicht ganz klar gesagt hätte, dass er sich verändern muss, bevor sie gedenkt ihn wieder aufzunehmen fest bei sich und er ansonsten in der Jugendschutzstelle der Stadt Dortmund untergebracht wird. (Jugendschutzstellen sind nix anderes als Obdachlosenheime für Kinder und Jugendliche, auch, wenn es einen hochtrabenden Namen hat.)

Ähnlich klagen viele ehemalige Alkoholabhängige, dass sie durch die sozialen Maßnahmen wie z.B. Hartz IV, bei dem der Staat ja i.d.R. die Miete bezahlt, viel zu lange noch in einem weichen Nest hätten hocken dürfen, bevor sie so fertig waren, dass sie ihre Alkoholerkrankung als behandlungsbedürftig angesehen haben.
Das Problem ist bei einer Suchterkrankung auch wirklich, dass man von außen nix machen kann. Wenn der Erkrankte nicht selber behandelt werden will, gibt es keine Möglichkeit, ihn zu behandeln. (Maximal, dass er bei seiner Sucht so straffällig wird, dass er in eine geschlossene Unterbringung muss. Die bringt dann aber auch nur solange was, wie sie geschlossen ist.)
E-Mail an Arne Reload senden
Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen
Baumstruktur | Brettstruktur
Gehe zu:
Neues Thema erstellen Antwort erstellen
Unity-Forum » :: Diskussionen :: » Le café unité » Obdachlosigkeit

Schnellantwort
Benutzername:
Überschrift:  
Optionen:




Antworten:

Powered by Burning Board 2.2.2 © 2001-2004 WoltLab GmbH | Impressum