dian unregistriert
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Verweichlichung
20.11.2007 13:50 |
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Ich zitiere erst mal aus einem Artikel, den ich heute in der Tageszeitung gelesen habe:
(anlässlich des vereitelten Möchtegern-Amoklaufs in Köln)
| Zitat: |
Der Bielefelder Jugendforscher Klaus Hurrelmann forderte Anlauf- und Beratungsstellen für Schüler.
"Alle Schüler und Lehrer malen sich aus, was passiert wäre. Vor dem geistigen Auge werden die bekannten Bilder aus den Medien ablaufen.", sagte er. "Jeder Einzelne hat die Möglichkeit vor Augen, er selbst hätte in eine lebensgefährliche Situation geraten können."
Hurrelmann schätzt, dass rund zehn Prozent der Schüler und Lehrer durch das Ausmalen in eine Traumatisierung geraten könnten. Schüler könnten in ein Opfersyndrom hineinrutschen, wenn sie sich ausrechnen, auf der Namensliste des Täters zu stehen. |
Aha...
zehn Prozent werden vielleicht allein schon dadurch traumatisiert, dass sie theoretisch einen Amoklauf hätten miterleben können.
Die Ärmsten.... die tun mir ja jetzt mal so richtig leid!
Was sie jetzt wohl für Ängste durchstehen werden, weil sie einen der beiden verrückten Täter mal gemobbt haben und deshalb nun zumindest theoretisch um ihr Leben hätten fürchten müssen, wenn alles anders gekommen wäre als es gekommen ist.
Mein Gott... was so alles passieren kann im Leben...
Wenn ich mir nur vorstelle... wir hatten auch mal einen in der Klasse, der sich umgebracht hat!
Ich verfalle heute noch in tiefste Angstzustände, wenn ich mir vorstelle, dass der damals theoretisch auch hätte Amoklaufen können. Oder schlimmer noch: als ich als Kind mal mit dem Flugzeug nach Gran Canaria geflogen bin, hätte da ja theoretisch ein Taliban-Kommando das Flugzeug entführen können. Vielleicht hätten die meine Eltern theoretisch sogar getötet und mich auf der Flugzeugtoillette vergewaltigt.
Wenn ich mir das vor meinem geistigen Auge ins Bewusstsein rufe, fange ich am ganzen Körper an zu zittern, und mir wird furchtbar schlecht.
Ich verklage jetzt am Besten mal die Taliban und alle Nachrichtensender dafür, dass sie allein durch ihre bloße Existenz mein Leben zur Hölle gemacht haben.
In Israel wollen ja schließlich auch ein paar von der BRD dafür entschädigt werden, dass sie sich von ihren Eltern schlimme Holocaust-Geschichten anhören mussten...
Das finde ich überaus konsequent! Kann ich auch irgendwo Frankreich dafür verklagen, dass ich als Kind in einem Schulbuch die Abbildung einer Enthauptung während der französischen Revolution mitansehen musste und seither darunter leide, dass ich mir bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit vorstelle, mein Kopf könnte mir von den Schultern fallen??
Scheiß Franzosen! Scheiß Flugzeuge! Scheiß selbstmörderische Mitschüler!
Ihr habt mir meine Kindheit gestohlen! Gebt sie mir sofort zurück!!!
Sorry, wenn ich gerade die nötige Ernsthaftigkeit vermissen lasse, die bei einem solch todernsten Thema wie "traumatisierte, wohlstandsverblödete Jugendliche" eigentlich angebracht wäre...
Aber könnt ihr vielleicht wenigstens ein bisschen nachvollziehen, was mich daran so befremdet??
Zur Erinnerung: Es ist noch keine hundert Jahre her, da wurden die Menschen in Europa wie Vieh abgeschlachtet. Bombenangriffe zerstörten ganze Städte, Müttern wurden ihre Kinder genommen, Kinder mussten mitansehen, wie zuerst ihre Familie und dann ihr ganzes Weltbild in sich zusammenstürzte.
Psychologen gab es damals nicht. Jedenfalls nicht für Normalsterbliche.
Entsprechend gab es natürlich auch viele Selbstmorde in den harten Nachrkiegsjahren.
Aber wisst ihr, was ich glaube?
Ich glaube, es gab trotz allem... trotz der harten Zeit, trotz der schlimmen Erlebnisse und trotz akutem Psychologenmangel... weniger Selbstmorde und weniger psychisch angeknackste Jugendliche als heutzutage.
Die Vorstellung, eine psychologische Behandlung zu benötigen, weil sie als Kind mitansehen mussten, wie einer ihrer Spielkameraden von einer Bombe zerfetzt wurde, wäre Leuten wie meinem Vater, der auch als Kind das eine oder andere "Traumatische" erlebt hat, geradezu absurd erschienen.
Der hat das einfach mit sich selbst ausgemacht... und er hat bis zuletzt eigentlich nie so sehr darunter gelitten, dass er deshalb in irgendeiner Weise beeinträchtigt gewesen wäre.
Und genau so erging es auch Millionen anderer Menschen. Vielleicht auch deshalb, weil schlimme Erlebnisse damals eben einfach zum Alltag gehörten... weil sie jeder hatte und daher nichts besonderes daran war, weswegen man sich als "aus der Art geschlagen" hätte fühlen müssen...
Nach heutigen Gesichtspunkten hätte damals die ganze Nation eine flächendeckende psychologische Betreuung gebraucht, um überhaupt jemals wieder am normalen Alltagsleben teilnehmen zu können.
Hat sie aber nicht bekommen... und es hat ihr nicht unbedingt geschadet.
Die Millionen "traumatisierter" Deutsche haben nicht, wie zu erwarten gewesen wäre, kollektiven Suizid begangen oder sich in Bullimie und Selbstverletzung geflüchtet...
nein, die haben vielmehr ein Wirtschaftswunder vollbracht.
Nicht falsch verstehen: Ich will jetzt nicht das Wirtschaftswunder in den Himmel loben... (Viele Leute haben damals auch einfach nur weltmeisterlich verdrängt...) Ich will lediglich darauf verweisen, dass aus Mangel, Not und schlimmen Erlebnissen nicht unbedingt massive psychische Störungen hervorgehen müssen, sondern dass daraus auch etwas Positives entstehen kann...
Vielleicht ja die Erkenntnis, dass das, was einen nicht umbringt, zumindest härter macht... dass man sich zukünftig nicht mehr so leicht aus der Bahn werfen lässt, und dass man lernt, wachsam zu sein und es nie wieder so weit kommen zu lassen.
All diese positiven Chancen nimmt man einem Menschen, wenn man ihn dermaßen in Watte packt, dass man ihm bei der kleinsten Erschütterung seines Weltbildes gleich psychologische Hilfe anbietet... nach dem Motto:
"Och, nicht weinen, Kleiner... komm, der Onkel Doktor hört dir zu. Der Onkel Doktor will nicht, dass du denkst, du hättest theoretisch abgeknallt werden können. Nein, Kleiner... du kannst nicht abgeknallt werden! Du bist ja in Sicherheit, alle beschützen dich, die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, es ist so wunderschön, auf der Welt zu sein..."
Wohin wird das noch führen?
Wer so aufwächst, kann doch keinen normalen Kampfgeist oder echte Selbständigkeit oder sonst irgendwas entwickeln, was für seine Vorfahren selbstverständlich gewesen ist. Der muss ja schon fast zwangsläufig zur Matschbirne werden, die von Politikern, Medien und Psychologen nach belieben manipuliert wird und ohne deren Manipulation gar nicht mehr in der Lage ist, irgendwas für sich selbst zu entscheiden und dann auch dafür geradezustehen.
Geht es letztlich nicht nur darum, jegliche revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft von vornherein unmöglich zu machen, in dem man jegliches Denken, das gesellschaftlich unerwünscht ist, gleich als "krank", "abnormal" oder "traumatisiert" bezeichnet und entsprechend behandelt?
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Hansi unregistriert
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Tja, was soll ich dazu noch schreiben, ausser: Thats Germany, thats the world. Und letztlich die schöne Weisheit die mir neulich ein an Psychose erkrankter (mittlerweile aber wieder relativ "normaler" Typ hier mit auf den Weg gegeben hat:"Alle haben einen an der Waffel!" Und verdammt ja, er hatte damit in diesem Moment mehr Recht als ihm im Scherz vllt lieb gewesen wäre. Ich will uns ja hier nicht ausschließen, im Gegenteil, nur haben wir hier eben "anders" einen an der Waffel
.
Auf jeden Fall geh ich jetzt auch in psychatrische Behandlung weil ich als Kind mal hingefallen bin und mir das Knie blutig geschlagen habe. Mein Gott, als hätte die Welt keine anderen Probleme.
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Arne Kroger unregistriert
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Geht hier um nix anderes, als um das, was ich schon in dem Pädophilenthread mit Verweis auf Frau Rutschky (was @Benway ja dann wenigstens zum totalen Ausflippen gebracht hat
) mal geschrieben habe:
Ein Lobbyist von Psychologen sieht mal wieder die Möglichkeit in einer beschissenen Gesellschaftsordnung Geld zu machen und mal wieder so einen Schwachsinn wie Schulpsychologen zu fordern, nach dem Motto: "Wenn wir den Leuten lange genug einreden, dass sie psychisch krank sind, glauben die das am Ende auch selber und kommen nicht mehr auf die Idee, dass das System einfach Scheiße ist und sie deshalb unzufrieden sind."
Ist schon lange bekannt, dass, wenn man die Probleme nicht unbedingt anspricht, dass dann die Probleme erst gar nicht auftauchen. Das sind eben Probleme, die vor sich selber davonlaufen, wenn man nicht schnell genug einen Therapeuten dahin schickt. Ist aber typische kapitalistische Logik. Wenn nicht genug Menschen krank sind, dann müssen um dem Willen des stetigen Wirtschaftswachstum eben auch Krankheiten erfunden werden.
Zu der Sache mit der Nachkriegszeit sei aber angemerkt, dass das imo nicht ganz so einfach war. Man hätte die Leute aus der Nazizeit eigentlich wirklich 12 Jahre lang umerziehen müssen, denn das war ein Fehler imo, dass die Leute sofort wieder wählen durften, diejenigen, die schon vor 1933 wählen durften, hätten für den Rest ihres Lebens von mir aus in Guantanamo verbringen können (aber sich zumindest nicht per Wahlen an dem Aufbau eines Nachfolgestaates beteiligen sollen), und diejenigen, die eben in die Zeit mehr oder minder reingeboren wurden, hätte man 12 Jahre nur Schulunterricht geben sollen, damit die mal was lernen, was von Nazipropaganda befreit war. Mein Vater ist 1933 eigeschult worden und hätte der nicht Abi nach dem Krieg noch gemacht, hätte der nur die Nazizeit als Schulzeit gehabt.
Aber dafür würden ein paar vernünftige Pädagogen reichen, da braucht man keine Psychs für.
War aber nicht das Ziel der Siegermächte jede Nazipropaganda aus den Köpfen der Menschen zu bekommen, denn so unsympathisch war das dem kapitalistischen Ausland wie GB und USA sowieso nicht und Stalin fand ja auch eigentlich einen ziemlich autoritären Stil wie Hitler ihn hatte ganz okay.
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Andere Quellen raten einem das genaue Gegenteil von dem was der Jugendforscher Hurrelmann sagte. Von alleine stellt sich sowas sowieso keiner vor weil man es nicht gerne macht. Keiner stellt sich gerne vor wie er abgeknallt wird oder ein Amokläufer es auf einen absieht. Gerade deswegen um sich auf sowas vorzubereiten soll man sich vorstellen wie man mit solchen Situationen umgeht. Traumatisiert wird davon keiner höchstens etwas verstört.
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Freundschaft Freihet Gerechtigkeit Aufrichtigkeit Ritterlichkeit
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Arne Kroger unregistriert
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Also, ich schätze mal, ohne jetzt die genaue Statistik zu kennen, dass die Chance, auf dem Schulweg überfahren zu werden, ungefähr 10 Millionen mal größer ist, als von einem Amokläufer abgeknallt zu werden.
Insofern haben diese Leute echt einen Knall an der Waffel, dass überhaupt zu thematisieren.
Zeigt auch wieder ganz deutlich, in welche Richtung das geht und wohin uns diese Psychofritzen führen wollen.
Den Tod durch kapitalistische Notwendigkeiten (Individualverkehr) soll tabuisiert werden, der Tod durch evtl. Systemkritiker muss als ganz schlimm angesehen werden.
So kann man die Menschen verblöden.
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