dian unregistriert
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@ Lonewolf:
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| Klar doch, schließlich ist die Schändung hunderter jüdischer Friedhöfe allein im letzten Jahr, die in weiten Teilen der Bevölkerung anzutreffenden antisemitischen Klischees und die Hass-Ideologie der Neonazis ebenso reine Einbildung wie die Mordrohungen, die jüdisch Personen des öffentlichen Lebens ständig erhalten. |
Von "Einbildung" hat Seneca doch überhaupt nicht gesprochen. Dass es auch heute noch Antisemitismus gibt, ist keine Frage.
Jedoch denke ich, dass dieser Antisemitismus grundsätzlich schon ein ganz anderer ist als der, der sich damals zugetragen hat.
Damals wusste doch im Prinzip jedes Kind, warum Juden böse sind, und wieso sie dem deutschen Volk Schaden zufügen. Es war in gewisser Weise Teil der "Allgemeinbildung".
Heute hat die große Mehrheit der jungen Leute nicht mal mehr eine Ahnung, was Juden eigentlich sind... die wissen weder, wie ein typischer Jude aussieht, noch, wieso die Juden damals überhaupt verfolgt worden sind. Und auf der Straße bzw. in der Nachbarschaft begegnet man auch so gut wie keinen bekennenden Juden mehr.
Für den durchschnittlichen, politisch wenig interessierten Deutschen treten Juden tatsächlich fast nur noch dann in Erscheinung, wenn entweder der Zentralrat der Juden sich über irgendwas beschwert, oder in Palästina mal wieder Krieg gespielt wird.
Über positive Aspekte der jüdischen Kultur wird doch fast überhaupt nicht berichtet... jedenfalls nicht dort, wo junge Menschen zuhören könnten. Fast immer fällt im selben Augenblick, wo das Wort "Jude" erwähnt wird, auch das Wort "Schuld" oder "Holocaust"... und das macht die Juden in der Wahrnehmung jener, vor deren Geburt das alles geschah, natürlich nicht zwangsläufig sympathischer. Deshalb sehe ich durchaus die Gefahr, dass gerade durch das ständige Daraufherumreiten erst neuer Judenhass entsteht, den es sonst vielleicht gar nicht gegeben hätte (nicht zuletzt, weil die Türken oder die Russen ja eigentlich heute auch ein viel geeigneteres, weil im Alltag deutlich präsenteres Feindbild abgeben)
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| Bloß hat der Antisemitismus eine besondere Qualität, die sich deutlich von dem abhebt was als Rassismus andere Personen betrifft. Das heißt nicht dass Juden in dem Sinne eine Sonderrolle einnehmen sollen, sondern dass die Ideologie als solche gesondert untersucht werden muss. |
Inwiefern unterscheidet sich deiner Meinung nach die Verfolgung der Juden in ihrer Qualität von der Verfolgung der Zigeuner oder der Kommunisten?
All das geschah meines Erachtens mit ähnlicher Gründlichkeit und Konsequenz. Und es war auch nur deshalb möglich, weil es auch schon vor Machtübernahme der Nazis in der Bevölkerung jede Menge latenten Hass, sowohl auf Juden, als auch auf Kommunisten, Schwule und Zigeuner etc. gab. Schwule und Zigeuner waren ebenfalls, wie die Juden, auch schon seit vielen Jahrhunderten gesellschaftlich benachteiligt bzw. geächtet.
Ich sehe da eben nicht diesen besonderen Aspekt des Antisemitismus, den du erwähnst. (außer, dass es eben vermutlich mehr Juden als Zigeuner gab)
Dieser besondere Aspekt erscheint mir ein wenig künstlich herbeigeredet worden zu sein....
Zuerst wollten die Nazis den Menschen weismachen, dass die Juden das schlimmste Problem von allen seien. Und hinterher will man den Leuten erzählen, dass es kein schlimmeres Verbrechen gab und jemals geben wird, als den Holocaust und die Vernichtung der Juden.
Das sind zwei Extreme, die beide von relativ wenig Objektivität zeugen.
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| Das Existenzrecht Israels leitet sich aber imho lediglich aus der Tatsache ab, dass der Staat Israel den weltweiten Zufluchtspunkt für die Menschen darstellt, die vom Antisemitismus verfolgt sind. Eine andere Legitimation für diesen Staat (oder jeden anderen), sehe ich nicht. |
Ja, das ist ja wirklich eine schöne Idee, so ein Staat.
Noch schöner hätte ich es gefunden, wenn man auch für alle verfolgten Homosexuelle, Zigeuner, Anarchisten etc. ein eigenes Refugium in der Wüste geschaffen hätten. Aber nein, die wurden zum Teil auch in den Jahrzehnten nach Ende des Nationalsozialismus noch ganz übel verfolgt. Hätten die eigentlich nicht noch viel mehr Grund, sich zu beklagen? Im Gegensatz zu ihnen haben die Juden nach Ende der Nazizeit wenigstens ein bisschen was als Wiedergutmachung erhalten...
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@dian: Der Antisemitismus ist nicht besonders im Sinne von "besonders schlimm", er hat nur einen anderen Inhalt als die Verfolgung von anderen Gruppen. Der Text von Adorno und Horkheimer gibt einen guten Überblick über die Problematik. Um es ein wenig zu verdeutlichen: Den Neger will man dort haben, wo er hingehört, den politischen Gegner will man im besten Fall bekehren oder daran hindern, seine Propaganda zu verbreiten, den Juden hingegen will man vom Angesicht der Erde tilgen, und das mit einer Gründlichkeit, die einmalig ist, die weltweit und grenzenlos den SS-Kommandos zur Mission aufgetragen wurde. Das soll in keiner Weise die anderen Verbrechen der Nazis relativieren - es geht nur darum, dass der Antisemtismus quasi-religiöse Züge angenommen hat, und damit vehement gegen eine Aufklärung der Verhältnisse arbeitet. Der Jude ist für den Nazi das negative Prinzip schlechthin, die Projektionsfläche der Übel der modernen Gesellschaft, und in dieser Funktion gerade der Faktor, der eine tatsächliche Überwindung der Verhältnisse unmöglich macht. In diesem Sinne gehören der Kampf gegen Antisemitismus und die revolutionäre Befreiung zusammen.
Der Antisemitismus ist in einer Weise latent, die kaum zu übersehen ist. Ob vom "großen Einfluss der Juden" die Rede ist, der Identifikation von Israel und den Juden schlechthin, oder in einer abstrakteren Form Verschwörungstheorien vom globalen Finanzkapital vorgestellt werden, das natürlich auch jüdisch dominiert sein soll. Und dass Friedman Hass-Briefe bekommt, weil er ein arrogantes Arschloch ist, will ich bezweifeln.
Was den letzten Punkt betrifft, hast du natürlich recht, dass so einiges bei weitem nicht angemessen aufgearbeitet wurde. Und natürlich wär's am besten, wenn überhaupt keine Staaten mehr existieren würden, und längst die Gesellschaft verwirklicht wäre, in der jeder gefahrlos verschieden sein kann. Deswegen ist es natürlich längst nicht damit getan, das Existenzrecht Israels zu verteidigen - (idealerweise wäre das überhaupt nicht mehr nötig) für die Revolution muss auch weiterhin gestritten werden
The Loathsome mask has fallen the man remains
Sceptreless, free, uncircumscribed, but man
Equal, unclassed, tribless and nationless,
Exempt from awe, worship, degree, the king,
Over himself, just, gentle, wise.
Percy Bysshe Shelley
Indessen ist das gerade wieder der Vorzug der neuen Richtung, dass wir nicht dogmatisch die Welt antizipieren, sondern erst aus der Kritik der alten Welt die neue finden wollen. Karl Marx
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