|
|
Zizek über den "guten Terror"
11.03.2012 17:43 |
 |
Ein höchst provokantes, aber diskussionswürdiges Video mit Slavoj Zizek, einem enfant terrible der gegenwärtigen philosophischen Debatte:
http://www.youtube.com/watch?v=orv1kmkiEpk
Braucht die Tugend den Terror?
The Loathsome mask has fallen the man remains
Sceptreless, free, uncircumscribed, but man
Equal, unclassed, tribless and nationless,
Exempt from awe, worship, degree, the king,
Over himself, just, gentle, wise.
Percy Bysshe Shelley
Indessen ist das gerade wieder der Vorzug der neuen Richtung, dass wir nicht dogmatisch die Welt antizipieren, sondern erst aus der Kritik der alten Welt die neue finden wollen. Karl Marx
|
|
|
|
|
|
|
|
Nagut, einer muss wohl mal was sagen. Es ist wirklich nicht sehr reizvoll, sich hier quasi mit Žižek in eine Diskussion zu begeben, da man erstmal automatisch die Rolle des "vulgärliberalen" Waschlappens einzunehmen hat. Aber so wie ich das Zeug von ihm verstehe, das ich bisher konsumiert hab, baut er sich diese Rolle als "unmenschliches Monster" u.a. als Plattform auf, von der aus er bequemer radikale Standpunkte erörtern kann. Als provokante öffentliche Erscheinung des abgekochten Philosophierockstars hat das immerhin auch eine gewisse Ironie, die ich würdigen kann.
Ich habe halt ein paar naive Fragen (oder liberale Reflexe).
Inwiefern kann sich in einer Situation des Aufstands ein "allgemeiner politischer Wille" (frei übertragen von "general will") widerspiegeln, der dann als Rechtfertigung für Gewaltanwendung dient? Vermutlich habe ich den Begriff falsch verstanden, aber als allgemeiner Konsens, der auf einer Art absoluten Wahrheit beruht, dürfte der ja garkeine wirklichen Gegner mehr haben und wäre halbwegs überflüssig. Sobald man aber den Glauben aufgibt, dass die Köpfe zum Wohle aller rollen, bleibt vom Terror doch erstmal nichts weiter übrig, als ein taktisches Mittel zur Durchsetzung von Interessen, oder?
Ich sehe ja ein, dass der "ewige Kampf für den Weltfrieden" und diverse Freiheitsbewegungen regelmäßig (und notwenigerweise) mit einem gewissen Witz verbunden sind, der ungefähr klingt wie "Tu was wir dir sagen und du wirst frei sein." oder "Denk was du willst, solange du mit uns einverstanden bist.". In diesem Sinn glaube ich allerdings, dass man revolutionäre Bewegungen nicht abgekoppelt von einer "öffentlichen Meinungsbildung", d.h. nicht als diesen "göttlichen Eingriff" betrachten kann, den Žižek offenbar postuliert. Nur weil er keine Lust hat, revolutionären Terror ins Verhältnis zu seinen Zielen zu setzen, wird er nicht drumherum kommen. Was für eine freiheitliche und/oder gleiche Gesellschaft soll das denn werden, die von "Psychopathen" durch kompromissloses Schlachten durchgesetzt wird? Geht man dann davon aus, dass die Kompromisslosigkeit nur während des Ausnahmezustandes gilt und nachher wie selbstverständlich aus der Bewegung ein anderes Gerechtigkeitsverständnis erwächst?
Vielleicht ist auch einfach die Annahme naiv, dass ein soziale Bewegung anstreben sollte, mehrheitsfähig (oder wenigstens massenkompatibel) zu werden. Aus dieser Sicht scheint es mir nämlich paradox zu sein, jeden Zweifler von Beginn an in die Ecke der Verräter zu stellen und ihn damit permanent vor dem Terror der absoluten, von Individuen unabhängigen Idee das Fürchten zu lehren:
| Zitat: |
| [...]there are no innocent bystanders in the crucial moments of revolutionary decision, because, in such moments, innocence itself - exempting oneself from the decision, going on as if the struggle I am witnessing doesn't really concern me - IS the highest treason. That is to say, the fear of being accused of treason IS my treason, because, even if I "did not do anything against the revolution," this fear itself, the fact that it emerged in me, demonstrates that my subjective position is external to the revolution, that I experience "revolution" as an external force threatening me. |
... sprach Zizek zum Jakobinismus.
| Zitat: |
| There evidently is an "inhuman madness" in this argument: is the fact that the destruction of the planet Earth "would hardly mean anything to the universe as a whole" not a rather poor solace for the extinguished humanity? The argument only works if, in a Kantian way, one presupposes a pure transcendental subject non-affected by this catastrophe - a subject which, although non-existing in reality, IS operative as a virtual point of reference. Every authentic revolutionary has to assume this attitude of thoroughly abstracting from, despising even, the imbecilic particularity of one's immediate existence, or, as Saint-Just formulated in an unsurpassable way this indifference towards what Benjamin called "bare life": "I despise the dust that forms me and speaks to you." [10] Che Guevara approached the same line of though when, in the midst of the unbearable tension of the Cuban missile crisis, he advocated a fearless approach of risking the new world war which would involve (at least) the total annihilation of the Cuban people - he praised the heroic readiness of the Cuban people to risk its disappearance. |
Ich hab nicht das Gefühl, dass die Bereitschaft in diesem religiösen Geist für eine Idee zu sterben selbige für Zweifler automatisch liebenswürdiger macht oder irgendwie ihre Gültigkeit bestärkt. Oder anders fomuliert: Daraus spricht eine so grundsätzliche Verachtung der diesseitigen Welt, dass der Wunsch, in einer verbesserten Version von ihr zu leben, vielleicht sogar unglaubwürdiger wird. Das absolutistische "Unter meinen Bedingungen oder gar nicht." scheint mir ein unpraktischer Gundsatz für gesellschaftliches Zusammenleben zu sein.
Das wiederum:
| Zitat: |
| [...] in a radical situation of injustice the only actual proof of love is to accept to fight, to accept the struggle |
würde ich unterschreiben. Und meinetwegen herrscht auch permanent und zwangsweise irgendwo und überall eine irgendwie geartete Ungerechtigkeit. Auch dass es keine wirklich neutralen unschuldigen Unbeteiligten gibt, sehe ich ein. Dass man diese dann aber, wenn man zunächst nicht auf bedingungslose Gegenliebe stößt, sofort vergewaltigen soll, leuchtet mir nicht ein (Ich weiß: Im revolutionären Exzess werden buchstäblich ab und an Leute sexuell vergewaltigt. Das von vornherein unter "unvermeidbare Nebenwirkung" abzuheften lehne ich auch ab. Wie viel Exzess muss also in der "nicht entkoffeeinierten" Version von Revolution akzeptiert werden?).
Sonstige Binsenweisheiten, die man noch loswerden könnte: Ne eingeschmissene Scheibe hat noch keine Bank dazu gebracht, ihre Geschäftspraktiken zu überdenken. Und brennende Straßenzüge sehen zwar verdammt gut aus, haben aber mutmaßlich bisher wenig dazu beigetragen, unbeteiligte Leute für eine Bewegung zu begeistern.
Geschafft! Es ist wirklich nicht schwer, gegen einen Zizek-Vortrag blöd auszusehen
|
|
|
|
|
|
|
 |
|
 |