aus der Klapse
20.05.2011 00:29 |
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Mein Freund, der Tod
Die obere Fenster-Partie war gekippt. Weil Sommer war und die verbale Entladung nach einer weiteren Stunde darüber, was richtig ist, ergoss sich monoton während der Pause über dem Hof einer Schule. Ich wusste nicht genau, ob es die Albertville Realschule war, an der Tim K. vor gut einem Jahr auf seine Weise seinen Schulabschluss machte.
Ich stellte mir vor, es sei diese Schule.
Andere fechten in jahrelangen Träumen den Kampf gegen das Trauma Schule aus. Er ersparte diesen Kampf insgesamt 8 Schülern und Schülerinnen.
Eine Fliege fand an der Front zwischen meinem Gefängnis und dem Gefängnis von ein paar hundert Schülern und ca. 40 LehrerInnen eine befriedigende Tätigkeit, die sie stetig wiederholte. Die Front war mein Fenster, beziehungsweise der Teil davon der zugeschlossen war. Nicht einfach zugeschlossen- sondern wirklich zugeschlossen.
Das summende Tier flog immer wieder gegen die Fensterscheibe. Oben war der Fenster-Teil angekippt. Es war ja Sommer und schwitzende Amoklauf-Zielscheiben brüllten der Freiheit hinterher. Und vielleicht dem Leben.
Aber die Fliege wollte nicht diesen hinterlistigen Weg nehmen und sich herauswinden. Und so begann ich die Fliege zu mögen.
Ich nannte sie Timoteus. Leider war es der letzte Tag, den sie gemeinsam mit mir verbrachte.
Die obere Fenster-Partie war ja offen.
Heute morgen sagte der Oberarzt, ich sei unkooperativ und das würde mich hier Zeit kosten.
Und er meinte, dass es zugig sei.
Ich fragte, was er schon wolle, damit er mich frei lässt.
Er meinte, darum ginge es nicht.
Und damit meinte er Kooperation.
Die Nacht schlief ich mit einem Kuckuck ein, der seinen Gesang in sich hineindruckste. Schuh- Schuuuh! Schuhuh-Schuh-Schuh-Schuuuh!
Die letzter Partie wiederholte er unterschiedlich oft- gerade so, dass man seiner Musik eine gewisse Aufmerksamkeit nicht abschlagen konnte- unglaublich meditativ.
Und ich machte die obere Fensterpartie zu.
Der Klang hallte dumpf weiter. Fast wie eine Fliege, die gegen die Fensterscheibe prallte. Mein Timoteus!
Und so konnte ich schließlich einschlafen.
Morgens verscheuchte ich die Schwester aus meinem Zimmer.
Ich hatte über einem Gedicht gebrütet, das ich dem Oberarzt wie einen Eimer kalten Wasser ins Gesicht schmettern wollte, um ihm zu zeigen, wie ich mich auf so was konzentrieren kann. Um ihm zu zeigen, dass ich weiß wer ich bin
Und um ihm zu zeigen, dass ich ihm nicht offenbaren werde, wer ich bin.
Der Anfang und das Ende meiner Gedichte gefallen mir immer am besten. Trotzdem schreibe ich immer viel zu lang:
Der Oberarzt wollte aber kein Gedicht hören. Er wollte auch nicht hören, dass ich gehen mag.
Und er bemerkte Missmut in meiner Stimme, was er als weiteres Anzeichen meiner Krankheit nahm.
„Und, dass es an mit nagt…“
Ja, krank sei ich. Als ich nachmittags telefonierte, wurde ich gestikulierend im Park gesehen. Das Handy nicht.
Ich wurde angerufen- auf meinem Handy- und zur Ärztin bestellt.
„..wird alles was man sagt…
zu einem Krankheitsbild“
Ich halte mich hier sehr bedeckt, seitdem der Richter da war.
Alles, was man sagt wird gegen dich verwendet.
Frag nicht die Leute da draußen, obwohl davon sich schon einige hier waren, auch wenn sie es verdrängen. Es sind immerhin …..
Aber frag zehn Häftlinge (ich weigere mich, sie „Patienten“ zu nennen) und du wirst zehn Betrugs-Geschichten ernten.
Frag Helga, die Krebs-Kranke, der sie die Schmerz-Mittel zusagten und dann doch fast verweigert hätten. Helga in ihrem Rollstuhl mit ihrem blauen Fuß.
Helga, die bei einem Pfarrer Putzfrau war. Helga, die mir ihr „Dalai Lama“-Buch auslieh.
Frag Anton, den sie dreimal zur Zwangsmedikation fesselten.
anton mit seinem ruhigen Körper, wenn er dir gegenübersitzt. Anton, der 50 Frei-Sms hatte und alle seiner Freundin schickte. Anton mit seinen flinken Fingern über dem Handy.
Sechs Wochen dürfen sie machen, was sie mit mir wollen.
Sechs Wochen hat der Richter gesagt. Danach wird neu geprüft.
Bei der ersten Prüfung war ich nicht einmal anwesend. Ich sollte draußen bleiben. Zur Urteilsverkündung durfte ich rein. Ich war einsam. Timoteus war weg. Und die Fenster alle geschlossen. „Der Tod ist mein Freund“, dachte ich. „dieser Satz hat mich hierhin gebracht. Der Tod ist mein Freund…“
Es gibt zwei Sorten von Einsamkeit.
Die eine ist eine, die das Leben dich lernen lässt. Es ist die Wahrheit unseres Seins, unser Schicksal und unser Antrieb.
Die andere ist blos da, um uns an unsere Grenzen zu treiben, uns zu zermürben. Erstere ist die Einsamkeit der Pop-Stars, Anwälte und Industriellen. Zweitere ist die Einsamkeit des Restes der Menschheit. Des Gefängnisses. Des Proletariats. Der Frauen. Der Männer. Der Tiere. Der Kinder.
alles was nicht singt, verklagt oder arbeiten lässt.
Und alle sitzen isolitert in ihren Zellen. Keine Partei, die sie vertritt. Keine Idee, die vereint in erreichbarer Nähe.
Das Kind in seinem Zimmer. der Arbeiter in seiner Kneipe. Und ich in der Psychiatrie.
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Seien wir realistisch- versuchen wir das Unmögliche!
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