|
|
Shoppen für das Vaterland
12.12.2008 17:08 |
 |
Heute habe ich im Spiegel einen schönen Text gefunden. Ich bin nicht ganz sicher, ob er Satire sein soll. Aber irgendwie klingt er auch ganz real
Shoppen für das Vaterland
| Zitat: |
Shoppen für das Vaterland
Die amerikanische Intellektuelle Marcia Pally über Einkaufen als Christenpflicht in Krisenzeiten
Als die Terroristen am 11. September zuschlugen, hat Amerika nicht etwa sein militärisches Auftreten oder seine Ignoranz gegenüber anderen Kulturen überdacht. Amerika hat auch nicht angefangen, ein bisschen Öl oder ein paar Tonnen Nahrungsmittel zu sparen - nein, wir haben beschlossen, shoppen zu gehen. Und um die aktuelle Wirtschaftskrise zu beheben, bekommen wir jetzt ein Konjunkturpaket, das uns helfen soll ... genau: shoppen zu gehen. Und das verpasst uns ausgerechnet der Neue, der doch wegen seines Rufs nach "Change" - Wechsel - gewählt worden ist.
In Amerika ist der Markt das Allheilmittel. Während in Deutschland einkaufen gehen, Geld ausgeben und Schulden machen als wirtschaftlich gefährlich und moralisch fragwürdig gelten, sind diese Tätigkeiten in Amerika das Lebenselixier, das die Welt in Bewegung hält. Wie Blut der Gruppe Null kann man dieses Elixier überall injizieren, und sofort erweckt es eine tote Wirtschaft zu neuem Leben. Da macht es nichts, dass wir unsere Geschichte durch die erfolglose Zwangsbeglückung der Welt mit Märkten amerikanischer Machart mit Blut befleckt haben.
Obwohl die jetzige Krise ja im Kauf neuer Häuser, die sich die Leute nicht leisten konnten, ihren Ursprung hat, glauben wir immer noch, die Lösung bestünde darin, noch ein bisschen mehr einkaufen zu gehen. Und so werden wir auch diesmal unsere Wirtschaft auferstehen lassen, als wäre sie Lazarus auf dem Totenbett.
Das tun wir nicht etwa, weil wir unsere moralischen Grundsätze aufgegeben hätten. Im Gegenteil, wir sind unserem Glauben treu geblieben. Tatsächlich ist ja der Kapitalismus eine auf Glauben aufbauende Veranstaltung. Man könnte es auch so sagen: Es kann Ihnen nicht viel passieren, wenn Sie nicht an die unbefleckte Empfängnis glauben. Doch wenn Sie Ihr schwer verdientes Geld so investieren, dass Sie auf einen Ertrag nur hoffen können, sollten Sie lieber aufrichtig daran glauben, dass aus Ihren Schulden Gewinn wird.
Warum aber glaubt Deutschland das nicht, dieses gute christliche Land? Weil das alte Europa immer noch im alten Christentum verhaftet ist. Bitte jetzt keine Ausflüchte, dass man doch "säkular" sei: Selbst wer in Deutschland nicht an Gott glaubt (oder an die Jungfrauengeburt), hat die alte christliche Kultur im Blut. Und die basiert nun einmal auf diszipliniertem Streben, auf Risiko und Schuld.
Sie hält die Menschen dazu an, ein schwieriges und riskantes Ziel anzustreben - selbstkritisches moralisches Handeln und den Glauben an einen Gott, der ihnen ihr unausweichliches Scheitern vergibt. Ihr Lohn dafür ist Schuld, deren Pein sie dann wiederum antreibt, es noch einmal zu versuchen.
Wir in der Neuen Welt aber haben die Schuld in die Tonne getreten.
Erstens: Auch wenn wir unabhängigen Pioniertypen an Gott festgehalten haben (nett von uns, oder?), so haben wir doch nicht mehr auf seine Gnade gesetzt - zu passiv -, sondern auf unsere eigene Entscheidung, ihn zu suchen. Daher der Ruf der evangelikalen Bewegung, der lange vorherrschenden Glaubensrichtung: Nimm Jesus an, und du bist gerettet. Es liegt bei uns, den entscheidenden Schritt zu tun. Und weil wir ja wissen, dass wir diesen Schritt getan haben, wozu dann noch Schuldgefühle?
Zweitens: Die methodistische Tradition, enorm bedeutend im 19. Jahrhundert, konzentrierte sich nicht mehr auf die Sündenvergebung, sondern auf die Sündenfreiheit - auf Perfektionierbarkeit. Was Amerikas Selbstwertgefühl keinesfalls beeinträchtigt hat. Und außerdem, ist unser Erfolg etwa kein Beweis dafür, dass Gott uns segnet?
Kurz, wir haben Schuld light erfunden. Wenn Sie Schaffensdrang, Risikobereitschaft und selbstkritisches Schuldbewusstsein haben und dann die Schuld weglassen, kriegen Sie Ehrgeiz, Waghalsigkeit und den Glauben an dauerhaft steigende Verbesserung: die amerikanische Dreieinigkeit.
Während das Anhäufen von Schulden in Deutschland geradezu als Bruch mit der Disziplin des moralischen Strebens gilt, ist in Amerika das Streben an sich moralisch - nämlich günstige Gelegenheiten zu schießen. Wir fühlen uns nicht mies, wenn wir Geld ausgeben, das wir nicht haben. Wir fühlen uns mies ohne Upgrading. Sie mögen Ihr iPhone? Wie wär's mit dem neuen, das sogar Tiramisu macht?
Und so shoppen wir mit gutem Gewissen. Darin steckt die Kraft zur persönlichen wie zur globalen Verbesserung. Und damit ist Shoppen unsere (Christen-) Pflicht.
Die Deutschen mögen heute glauben, sie müssen die Finanzkrise durchstehen. Die Amerikaner glauben, sie müssen sie beheben. Aber wie machen wir das nur, ohne Dollar, um die Märkte anzukurbeln?
Die wahre Sünde der aktuellen Finanzkrise liegt darin, dass sie uns unseres angestammten Glaubens beraubt.
Frohe Weihnachten Ihnen allen. |
|
-----------------------------------------------------------------------------------------------------------
Meine Posts erheben keinen Anspruch auf universelles Wissen.
Nimm Dir was Du brauchst,
verwerfe was Du willst.
Finde Deine eigenes Bild und lebe wie DU es willst.
|
|
|
|
|
|
|
|
erstaunlich, wie man das einkaufen und die religion zusammen bringen kann.
aber wer denkt ernsthaft an das christentum, wenn er einkauft? oder viel mehr: wer kauft wegen dem christentum ein?
die amerikaner etwa? oder ist das nur ein übertriebenes bild, dass man kriegen soll?
|
|
|
|
|
|
|