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Die wichtigsten Botschaften des Buches sind meines Erachtens hier erhalten:
THEORIE UND PRAXIS DES
OLIGARCHISCHEN
KOLLEKTIVISMUS
von
Emmanuel Goldstein
Kapitel 111
Krieg bedeutet Frieden
Die Aufteilung der Welt in drei riesige Großmächte
war ein Ereignis, das bereits vor der Mitte
des zwanzigsten Jahrhunderts vorauszusehen war
und auch tatsächlich vorausgesehen wurde. Mit der
Einverleibung Europas durch Rußland und des
Britischen Empires durch die Vereinigten Staaten
von Amerika waren zwei von den drei heute bestehenden
Mächten bereits in Erscheinung getreten.
Die dritte, Ostasien, zeichnete sich erst nach
einem weiteren Jahrzehnt verworrener Kämpfe
als deutliche Einheit ab. Die Grenzen zwischen
den drei Großstaaten sind an manchen Stellen
willkürlich, an anderen schwanken sie je nach
dem Kriegsglück, aber im allgemeinen folgen sie
geographischen Gegebenheiten. Eurasien umfaßt
den gesamten Nordteil des europäischen und asiatischen
Kontinents von Portugal bis zur Bering-
Straße. Ozeanien umfaßt Nord- und Süd-Amerika,
alle Inseln im Atlantischen Ozean einschließlich
der Britischen Inseln, Australien und den südlichen
Teil von Afrika. Ostasien, kleiner als die
beiden anderen und mit einer weniger festumrissenen
Westgrenze, umfaßt China und die südlich
davon gelegenen Länder, das Japanische Inselreich
und einen beträchtlichen, aber immer fluktuierenden
Teil der Mandschurei, der Mongolei
und Tibets.
So oder so gruppiert liegen diese drei Großstaaten
ständig miteinander im Krieg, wie sie es
ohne Unterbrechung während der letzten fünfundzwanzig
Jahre getan haben. Dieser Krieg ist
jedoch nicht mehr der verzweifelte Vernichtungskampf,
wie ihn die Anfangsjahrzehnte des zwanzigsten
Jahrhunderts gekannt haben. Es ist ein
Waffengang mit beschränkten Zielen zwischen
Gegnern, die nicht in der Lage sind, einander zu
vernichten, keinen materiellen Kriegsgrund haben
und durch keine echten ideologischen Unterschiede
getrennt sind. Das will nicht besagen, daß die
Kriegsführung oder die vorherrschende Einstellung
ihr gegenüber weniger blutrünstig oder ritterlicher
geworden wäre. Im Gegenteil, ein hysterischer
Vernichtungswille wütet ständig und allgemein
in allen Ländern, und Verbrechen wie
Notzucht, Plünderung, Kindsmord, Verschleppung
ganzer Bevölkerungsteile in die Sklaverei, Repressalien
gegen Gefangene, die sogar mitunter bei
lebendigem Leib gesotten und verbrannt werden,
betrachtet man als normal und, sofern sie von
den eigenen Truppen und nicht vom Feind begangen
werden, geradezu als verdienstvoll. Mit
Leib und Leben ist jedoch nur eine sehr geringe
Anzahl von Menschen, größtenteils hochgeschulte
Spezialisten, unmittelbar in die Kriegshandlungen
verwickelt, und die dadurch verursachten Verluste
an Gefallenen sind verhältnismäßig gering. Die
Kämpfe finden, wenn überhaupt, so nur an den
undeutlich verschwimmenden Grenzen der Staatsgebiete
statt, deren Lage der Mann von der Straße
nur mutmaßen kann, oder im Bereich der Schwimmenden
Festungen, die an strategischen Punkten
der Schiffahrtsstraßen postiert sind. Für die Zivilisationszentren
bedeutet der Krieg nur eine
dauernde Kürzung der Gebrauchsgüter und den
gelegentlichen Einschlag einer Raketenbombe, der
vielleicht ein paar Dutzend Menschen zum Opfer
fallen. So hat der Krieg sein Wesen völlig gewandelt,
oder genauer gesagt, es hat sich die Rangordnung
der Gründe geändert, um deretwillen
Krieg geführt wird. Beweggründe, die in bescheidenem
Ausmaß bereits bei den großen Kriegen
zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts mitsprachen,
sind jetzt an die erste Stelle gerückt und
werden bewußt in Rechnung gestellt.
Um das Wesen des gegenwärtigen Krieges zu
verstehen — denn trotz der im Abstand von
einigen Jahren erfolgenden Umgruppierung handelt
es sich im Grunde immer um denselben Krieg —
muß man sich vor allem vergegenwärtigen, daß er
unmöglich entschieden werden kann. Keiner der
drei Großstaaten könnte endgültig unterworfen
werden, auch wenn sich die beiden anderen gegen
ihn verbünden. Sie sind sich zu ebenbürtig in ihrer
Stärke; ihre natürlichen Verteidigungsmittel sind
zu gewaltig. Eurasien ist durch seine riesigen Landflächen
geschützt, Ozeanien durch die Ausdehnung
des Atlantischen und des Pazifischen Ozeans, Ostasien
durch die Gebärfreudigkeit und den Fleiß
seiner Bewohner. Ein zweiter Grund ist, daß es
in materieller Hinsicht nichts mehr gibt, worum
man kämpfen könnte. Mit Einführung der
Autarkie, in deren Rahmen Produktion und Verbrauch
aufeinander abgestellt sind, ist die Jagd
nach Absatzmärkten hinfällig, die eine Hauptursache
früherer Kriege war, ebensowenig ist der
Wettstreit um Rohstoffe noch eine Existenzfrage.
Ohnehin ist jeder der drei Großstaaten ausgedehnt
genug, um fast alle benötigten Rohstoffe innerhalb
seiner eigenen Grenzen zu finden. Soweit
der Krieg noch einen unmittelbaren wirtschaftlichen
Zweck hat, geht er um die Arbeitskräfte.
Zwischen den Grenzen der Großstaaten und nicht
im dauernden Besitz von einem der drei liegt ein
ungefähr quadratisches Gebiet, dessen Ecken von
Tanger, Brazzaville, Port Darwin und Hongkong
gebildet werden und das etwa ein Fünftel der
Gesamtbevölkerung der Erde enthält. Um den
Besitz dieser dichtbevölkerten Landstriche und den
der nördlichen Eiszone geht der dauernde Kampf
der drei Mächte, doch in der Praxis beherrscht
keine der drei Mächte jemals das gesamte strittige
Gebiet. Teile davon wechseln dauernd den Besitzer
und die durch Handstreich geglückte Inbesitznahme
dieses oder jenes Gebietsteiles bestimmt
den endlosen Wandel der Mächtegruppierungen.
Sämtliche strittigen Gebiete enthalten wertvolle
Mineralschätze und manche von ihnen erzeugen
wichtige pflanzliche Produkte wie Gummi, der in
klimatisch kälteren Landstrichen durch verhältnismäßig
kostspielige Methoden synthetisch erzeugt
werden muß. Aber vor allem enthalten sie ein
unerschöpfliches Reservoir billiger Arbeitskräfte.
Die Macht, die Äquatorial-Afrika, die Länder des
Mittleren Ostens, Südindien oder Indonesien
beherrscht, hat damit Hunderte von Millionen
schlechtbezahlter und schwerarbeitender Kulis zu
ihrer Verfügung. Die mehr oder weniger unverhüllt
zu Sklaven herabgedrückten Bewohner dieser
Gebiete gehen dauernd aus dem Besitz des
einen Eroberers in den des anderen über und
werden wie Kohlenbergwerke oder Ölquellen ausgebeutet
— bei dem Wettlauf um größere Waffenproduktion,
die weitere Gebietsabrundungen ermöglicht,
durch welche man dann über mehr
Arbeitskräfte verfügt, und so weiter, ad infinitum.
Wobei man jedoch im Auge behalten muß, daß
der Kampf nie wirklich über die Randgebiete der
umstrittenen Territorien hinausgeht.
Zwischen dem Stromgebiet des Kongo und der
Nordküste des Mittelmeeres verlaufen die Grenzen
Eurasiens schwankend. Die Inseln des Indischen
Ozeans wiederum werden abwechselnd von
Ozeanien oder von Ostasien erobert. In der Mongolei
ist die Trennungslinie zwischen Eurasien
und Ostasien nie fest umrissen. Rund um den Südpol
erheben alle drei Mächte Anspruch auf riesige
Gebiete, die faktisch weitgehend unbewohnt und
unerforscht sind. Aber das politische Gleichgewicht
der Kräfte bleibt stets ungefähr das gleiche, und
ebenso bleibt das Kerngebiet der drei Großstaaten
immer unangetastet. Überdies ist die Arbeitskraft
der ausgebeuteten Völker im Äquatorgürtel für
die Weltwirtschaft nicht wirklich nötig. Sie tragen
nichts zum Wohl der Menschheit bei, denn ihre
gesamte Produktion dient Kriegszwecken; und
der Grund für einen neuen Krieg besteht unabänderlich
darin, für den übernächsten Krieg
besser gerüstet zu sein. Durch ihre Arbeitsleistung
ermöglichen die Sklavenbevölkerungen eine Intensivierung
dieser dauernden Kriege. Aber ohne sie
wäre die Struktur der Weltgesellschaftsordnung
und die Art und Weise, in der sie sich erhält,
nicht wesentlich anders.
Das Hauptziel der modernen Kriegführung (gemäß
den Prinzipien des Zwiedenkens wird dieses
Ziel von den leitenden Köpfen der Inneren Partei
gleichzeitig anerkannt und abgestritten) besteht
darin, die industrielle Produktion zu verbrauchen,
ohne den allgemeinen Lebensstandard zu heben.
Seit Ende des neunzehnten Jahrhunderts war in
der industriellen Gesellschaftsordnung schon immer
das Problem latent, was man mit der Überproduktion
von Verbrauchsgütern anfangen sollte.
In einem Zeitalter wie dem gegenwärtigen, in dem
wenige Menschen auch nur genug zu essen haben,
ist dieses Problem offenbar nicht so vordringlich;
vielleicht wäre es auch ohne das Einschalten von
künstlichen Vernichtungsprozessen nicht vordringlich
geworden. Die Welt von heute ist ein armseliger,
jämmerlicher Aufenthaltsort für Hungerleider,
verglichen mit der Welt von vor 1914 und
erst recht verglichen mit der imaginären Zukunft,
wie sie die Menschen jener Zeit sich vorstellten.
Anfangs des zwanzigsten Jahrhunderts gehörte
zur Begriffswelt beinahe jedes gebildeten Menschen
die Vision einer zukünftigen, über unglaubliche
Reichtümer und Mußestunden verfügenden,
geordneten und leistungsfähigen Gesellschaft
einer schimmernden aseptischen Welt aus Glas,
Stahl und schneeweißem Beton. Wissenschaft und
Technik entwickelten sich damals mit wunderbarer
Geschwindigkeit, und so schien die Annahme berechtigt,
daß sie sich immer weiterentwickeln würden.
Das geschah jedoch nicht, teils infolge der
durch eine lange Reihe von Kriegen und Revolutionen
verursachten Verarmung, teils weil wissenschaftlicher
und technischer Fortschritt von einem
durch Erfahrung gestützten Denken abhingen,
das in einer diktatorisch beherrschten Gesellschaft
keinen Bestand haben konnte. Im ganzen genommen
ist die Welt von heute primitiver als die
vor fünfzig Jahren. Einzelne rückständige Gebiete
machten zwar Fortschritte, und verschiedene Verfahren,
die immer irgendwie mit Kriegführung
oder Polizeibespitzelung zusammenhingen, wurden
weiterentwickelt, aber Experimente und Erfindungen
haben so gut wie aufgehört, und die
Verheerungen des Atomkrieges der Jahre 1950
bis 1960 sind nie wieder ganz wettgemacht worden.
Nichtsdestoweniger sind die der Maschine
innewohnenden Gefahren noch immer vorhanden.
Vom Augenblick des ersten Erscheinens der Maschine
an war es allen denkenden Menschen klar,
daß damit die unabänderliche Mühsal und damit
zum großen Teil auch die Ungleichheit der Menschen
erledigt waren. Wenn man die Maschine
wohlüberlegt mit diesem Ziel vor Augen in Dienst
gestellt hätte, konnten Hunger, Überarbeitung,
Elend, Unbildung und Krankheit in ein paar Generationen
überwunden werden. Und tatsächlich
hob die Maschine, ohne dafür besonders eingesetzt
zu werden, sondern gleichsam durch einen automatischen
Vorgang — indem sie nämlich ein Mehr
produzierte, das zu verteilen sich manchmal nicht
umgehen ließ — während eines Zeitraums von
ungefähr fünfzig Jahren gegen Ende des neunzehnten
und zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts
sehr beträchtlich den Lebensstandard des
Durchschnittsmenschen.
Aber ebenso klar war es, daß ein allgemein
wachsender Wohlstand das Bestehen einer hierarchisch
geordneten Gesellschaft bedrohte, ja gewissermaßen
ihre Auflösung bedeutete. In einer
Welt, in der jedermann nur wenige Stunden
arbeiten mußte, in der jeder genug zu essen hatte,
in einem Haus mit Badezimmer und Kühlschrank
wohnte, ein Auto oder sogar ein Flugzeug besaß,
in einer solchen Welt wären die augenfälligsten
und vielleicht wichtigsten Formen der Ungleichheit
nicht mehr vorhanden. Wurde dieser Wohlstand
erst einmal Allgemeingut, konnte er keine
Vorzugsstellung mehr verleihen. Theoretisch war
es zweifellos möglich, sich eine Gesellschaftsordnung
vorzustellen, in welcher der Wohlstand, der
persönliche Besitz von Luxusartikeln, gleichmäßig
verteilt war, während die Macht in den Händen
einer kleinen privilegierten Schicht lag. Aber in
der Praxis konnte eine solche Gesellschaftsordnung
nicht lange Bestand haben. Denn sobald alle
gleichermaßen Muße und Sicherheit genossen,
mußte die große Masse der Menschen, die normalerweise
durch ihre Armut abgestumpft war,
sich heranbilden und selbständig denken lernen.
War sie erst einmal so weit, mußte sie früher
oder später dahinterkommen, daß die privilegierte
Minderheit keine eigentliche Funktion hatte und
würde sie beseitigen. Auf lange Sicht war daher
eine hierarchisch geordnete Gesellschaft nur auf
der Grundlage von Armut und Unbildung möglich.
Die Rückkehr zu einer ackerbautreibenden Vergangenheit,
die einige Denker zu Anfang des
zwanzigsten Jahrhunderts erträumten, war keine
brauchbare Lösung. Sie stand im Widerspruch mit
der fast auf der ganzen Welt gleichsam zur zweiten
Natur gewordenen Tendenz zur Mechanisierung,
außerdem war jedes industriell zurückgebliebene
Land in militärischer Hinsicht hilflos
und dazu verurteilt, direkt oder indirekt von
seinen weiter entwickelten Nachbarn beherrscht
zu werden. Auch die Drosselung der Herstellung
von Gebrauchsgütern war keine befriedigende
Lösung, um die Massen in Armut zu erhalten.
Das war in weitgehendem Maße während der
letzten Phase des Kapitalismus, in der Zeit zwischen
1920 und 1940, geschehen. In vielen Ländern
ließ man die Wirtschaft zum Stillstand kommen,
die Felder blieben unbebaut, überalterte
Maschinen wurden nicht ergänzt, große Teile der
Bevölkerung wurden aus dem Arbeitsprozeß herausgenommen
und durch staatliche Unterstützung
nur gerade noch am Leben gehalten. Aber auch
das brachte eine militärische Schwächung mit sich,
und da die damit verbundenen Opfer offensichtlich
unnötig waren, erhob sich unvermeidlicherweise
eine Opposition dagegen. Das Problem bestand
darin, die Industrie in Gang zu halten, ohne
den wirklichen Wohlstand der Welt zu erhöhen.
Verbrauchsgüter mußten zwar produziert, aber
keinesfalls verteilt werden. Der einzige Weg, dieses
Ziel zu erreichen, war praktisch ein immerwährender
Krieg.
Die Hauptwirkung des Krieges ist Zerstörung,
nicht ausschließlich von Menschenleben, sondern
auch von Erzeugnissen der menschlichen Arbeit.
Der Krieg ist ein Mittel, um Güter, die sonst dazu
benützt werden könnten, den Massen das Leben
bequem und damit, auf lange Sicht, ihre Intelli
genz größer zu machen, statt dessen in Stücke zu
sprengen, in die Stratosphäre zu jagen oder in
die Tiefe des Meeres zu versenken. Selbst wenn
diese Kriegsrüstung nicht wirklich zerstört wird,
so ist schon ihre Fabrikation ein bequemer Weg,
Arbeitskraft zu verbrauchen, ohne etwas Konsumfähiges
zu erzeugen. In einer Schwimmenden Festung
zum Beispiel steckt eine Arbeitsleistung,
die mehrere hundert Frachtschiffe bauen könnte.
Sie wird eines schönen Tages als überholt abgewrackt,
ohne jemals irgend jemandem Nutzen gebracht
zu haben, und mit einem neuen riesigen
Arbeitsaufwand wird eine neue Schwimmende
Festung gebaut. So dienen die Kriegsanstrengungen
im Prinzip dazu, jeden Überschuß, der vielleicht
nach Befriedigung der unerläßlichen Bedürfnisse
der Bevölkerung verbleiben könnte,
aufzuzehren. In der Praxis aber werden die Bedürfnisse
der Bevölkerung immer unterschätzt,
mit dem Ergebnis, daß eine chronische Verknappung
der meisten lebenswichtigen Güter herrscht;
aber auch das wird als vorteilhaft angesehen. Es
besteht die bewußte Politik, selbst die privilegierten
Bevölkerungsgruppen am Rande der Not zu
halten, denn ein allgemeiner Zustand der Warenverknappung
unterstreicht die Bedeutung von
kleinen Privilegien und vergrößert so den Unterschied
zwischen den einzelnen Gruppen. An dem
Lebensstandard zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts
gemessen, führt selbst ein Mitglied der
Inneren Partei heute ein hartes, arbeitsreiches
Leben. Dennoch sieht seine Existenz durch die
paar Vorzüge, deren er sich erfreut — seine
große, gut eingerichtete Wohnung, den besseren
Stoff seiner Anzüge, die bessere Qualität von
Essen, Trinken und Rauchwaren, seine zwei oder
drei Dienstboten, sein Privatauto oder Hubschrauber
— ganz anders aus als die eines Mitglieds
der Äußeren Partei, und die Mitglieder der
Äußeren Partei genießen einen ähnlichen Vorteil
im Vergleich mit den als „Proles“ bezeichneten
unterdrückten Massen. Die soziale Atmosphäre
gleicht der einer belagerten Stadt, wo der Besitz
eines Stücks Pferdefleisch den Unterschied zwischen
Reichtum und Armut bedeutet. Gleichzeitig
läßt das Bewußtsein, im Kriegszustand,
also in Gefahr zu sein, es als die natürliche, unvermeidliche
Bedingung für ein Weiterleben erscheinen,
daß die gesamte Macht in den Händen
einer kleinen Kaste liegt.
Der Krieg führt nicht nur das notwendige Zerstörungswerk
aus, sondern erledigt diese Aufgabe,
wie man noch sehen wird, in einer psychologisch
annehmbaren Weise. Im Prinzip wäre es
natürlich ganz einfach, die überschüssige Arbeitskraft
der Welt verpuffen zu lassen, indem man
Tempel oder Pyramiden baut, Löcher gräbt und
sie wieder zuschüttet oder sogar große Mengen
von Gütern erzeugt und sie dann verbrennt. Aber
damit wäre nur die wirtschaftliche, nicht aber die
gefühlsmäßige Basis einer hierarchischen Gesellschaftsordnung
geschaffen. Es geht hier nicht um
die Moral der Massen, deren Einstellung unwichtig
ist, so lange sie fest bei der Arbeit gehalten
werden, sondern um die Moral der Partei selbst.
Schon von dem einfachsten Parteimitglied wird
erwartet, daß es zuverlässig, fleißig und in engen
Grenzen sogar intelligent ist, aber es ist ebenfalls
unerläßlich, daß der Betreffende ein gläubiger
und unwissender Fanatiker ist, dessen hauptsächliche
Gefühlsregungen Angst, Haß, Speichelleckerei
und ungezügelte Begeisterung sind, mit anderen
Worten, daß er eine dem Kriegszustand entsprechende
Mentalität besitzt. Es spielt dabei
keine Rolle, ob wirklich Krieg geführt wird, und
da kein entscheidender Sieg möglich ist, kommt
es auch nicht darauf an, ob der Krieg gut oder
schlecht verläuft. Es ist weiter nichts nötig, als daß
Kriegszustand herrscht. Die verstandesmäßige
Zweiteilung, die die Partei von ihren Mitgliedern
verlangt, und die leichter in einer Kriegsatmosphäre
zustande kommt, ist heute fast allgemein,
aber zu je höheren Rängen man hinaufkommt,
desto deutlicher wird sie. Gerade in der Inneren
Partei sind Kriegshysterie und Feindhaß am
stärksten vertreten. In seiner Eigenschaft als hoher
Verwaltungsbeamter muß ein Mitglied der Inneren
Partei oft wissen, daß dieser oder jener Punkt
der Kriegsmeldungen unwahr ist, und es mag
sich häufig sogar bewußt sein, daß der ganze
Krieg eine Spiegelfechterei ist und entweder überhaupt
nicht oder aus ganz anderen als den angeblichen
Gründen stattfindet: doch dieses Wissen
wird leicht durch die Anwendung des
Zwiedenkens neutralisiert. Demungeachtet aber
schwankt kein Mitglied der Inneren Partei auch
nur einen Augenblick in seinem mystischen Glauben,
daß der Krieg etwas Wirkliches ist und mit
einem Sieg enden muß, aus dem Ozeanien als der
unbestrittene Beherrscher der ganzen Welt hervorgeht.
Alle Mitglieder der Inneren Partei glauben an
diesen Endsieg wie an einen Artikel des Katechismus.
Er wird entweder dadurch erreicht, daß
man langsam mehr und immer mehr Gebiete erobert
und so eine erdrückende Machtüberlegenheit
aufbaut, oder durch die Entdeckung einer
neuen Waffe, gegen die es kein Mittel der Abwehr
gibt. Die Suche nach neuen Waffen geht
ununterbrochen weiter und ist eines der wenigen
Gebiete, auf denen sich Erfinder- und Forschergeist
noch Luft machen kann. In Ozeanien hat
heutigentags die Wissenschaft im althergebrachten
Sinne fast zu existieren aufgehört. In der Neusprache
gibt es kein Wort für „Wissenschaft“. Die
empirische Denkweise, auf der alle wissenschaftlichen
Errungenschaften der Vergangenheit fußten,
widerspricht den fundamentalsten Prinzipien
des Engsoz. Auch technische Fortschritte werden
nur noch erzielt, wenn sie in irgendeiner Weise
zur Beschränkung der menschlichen Freiheit bei
tragen können. In allen angewandten Künsten
und Fertigkeiten steht die Welt entweder still oder
schreitet rückwärts. Die Äcker werden mit dem
Pferdepflug bestellt, während Bücher durch einen
maschinellen Prozeß geschrieben werden. In sogenannten
lebenswichtigen Fragen — womit in
Wirklichkeit nur Krieg und Polizeiwesen gemeint
sind — wird eine empirische Einstellung auch
heute noch gefördert oder doch geduldet. Gemäß
den beiden Zielen der Partei — die ganze Erdoberfläche
zu erobern und ein für allemal die Möglichkeit
unabhängigen Denkens auszutilgen —
gibt es zwei große Probleme, deren technische
Lösung die Partei anstrebt. Das eine ist, die Gedanken
eines Menschen gegen seinen Willen aufzudecken.
Das andere ist ein Verfahren zur Tötung
von mehreren hundert Millionen Menschen
in wenigen Sekunden, ohne vorhergehende Warnung.
Soweit es noch wissenschaftliche Forschung
gibt, beschäftigt sie sich mit diesen beiden Gegenständen.
Der Wissenschaftler von heute ist entweder
eine Mischung aus Psychologe und Inquisitor,
der mit ungewöhnlicher Sorgfalt die Bedeutung
von Gesichtsausdrücken, Gebärden und
Stimmschwankungen studiert und erprobt, in
welchem Maße Drogen, Schock-Therapien, Hypnosen
und körperliche Folterungen zu wahrheitsgemäßen
Aussagen zwingen können. Oder er ist
ein Chemiker, Physiker oder Biologe, der sich
allein mit solchen Fragen seines Spezialfaches beschäftigt,
die auf die Vernichtung von Leben Bezug
haben. In den ausgedehnten Laboratorien des
Friedensministeriums und den großen, in den
brasilianischen Wäldern, der australischen Wüste
oder auf den abgelegensten Inseln der Antarktis
verborgenen Versuchsstationen, sind Gruppen von
Fachleuten unermüdlich am Werk. Manche sind
lediglich mit den Bewegungs-, Unterbringungsund
Verpflegungsproblemen zukünftiger Kriege
beschäftigt. Andere erfinden größere und immer
größere Raketengeschosse, Explosivstoffe von
immer verheerenderer Wirkung, immer undurchdringlichere
Panzerplatten. Wieder andere suchen
nach neuen und tödlicheren Gasen, nach leicht
löslichen Giften, die in solchen Mengen produziert
werden können, daß man damit die Flora und
Fauna ganzer Kontinente vernichten kann, oder
nach Krankheitserregern, gegen die es keine
Impfstoffe gibt. Andere bemühen sich um die
Konstruktion eines Fahrzeugs, das sich unter der
Erde wie ein Unterseeboot unter Wasser fortbewegt,
oder ein Flugzeug, das von seinem Stützpunkt
so unabhängig ist wie ein Segelschiff.
Andere erforschen noch ferner liegende Möglichkeiten,
z. B. die Sonnenstrahlen in Linsen zu
sammeln, die Tausende von Kilometern weit im
Weltraum aufgehängt sind, oder durch Anzapfen
des glühenden Erdinneren künstliche Erdbeben
und Flutwellen hervorzurufen.
Aber keines dieser Projekte kommt jemals der
Verwirklichung nahe; keiner der drei Großstaaten
erlangt jemals ein ausschlaggebendes Übergewicht
über die anderen. Noch bemerkenswerter ist, daß
alle drei Mächte in der Atombombe bereits eine
weit gewaltigere Waffe besitzen, als ihre derzeitigen
Versuche jemals hervorzubringen versprechen.
Wenn auch die Partei ihrer Gewohnheit gemäß
die Erfindung für sich in Anspruch nimmt, so
traten die Atombomben doch bereits im fünften
Jahrzehnt unseres Jahrhunderts erstmalig in Erscheinung
und wurden in großem Umfang etwa
zehn Jahre später angewandt. Damals wurden
einige hundert Bomben auf Industriezentren,
hauptsächlich im europäischen Rußland, in Westeuropa
und Nordamerika abgeworfen. Das Resultat
war, daß die herrschenden Klassen aller
Länder zu der Überzeugung gelangten, daß einige
weitere Atombombenabwürfe das Ende jeder geordneten
Gesellschaft und damit auch ihrer eigenen
Macht bedeuten würden. Daraufhin wurden,
obwohl nie ein formelles Abkommen getroffen
oder auch nur angedeutet wurde, keine Atombomben
mehr verwandt. Alle drei Mächte fahren
lediglich in der Produktion von Atombomben
fort und speichern sie für die entscheidende Gelegenheit,
die sie alle, früher oder später, für
wahrscheinlich halten, auf. Unterdessen ist die
Kriegskunst dreißig oder vierzig Jahre lang so
gut wie zum Stillstand gekommen. Zwar werden
mehr Hubschrauber benützt als früher, Bombenflugzeuge
größtenteils durch ferngelenkte Geschosse
ersetzt, auch ist das leicht verwundbare
bewegliche Schlachtschiff der nahezu unversenkbaren
Schwimmenden Festung gewichen; sonst
aber hat sich wenig Neues entwickelt. Der Panzerkampfwagen,
das Unterseeboot, das Torpedo, das
Maschinengewehr, sogar das gewöhnliche Gewehr
und die Handgranate sind noch immer im Gebrauch.
Und ungeachtet der endlosen in der
Presse und durch den Televisor gemeldeten Gemetzel
haben sich die erbitterten Schlachten früherer
Kriege, in denen oft in ein paar Wochen
Hunderttausende oder sogar Millionen von Menschen
getötet wurden, nie wiederholt.
Keiner der drei Großstaaten unternimmt je
eine Kriegshandlung, die die Gefahr einer
ernsthaften Niederlage in sich schließt. Wenn eine
große kriegerische Aktion unternommen wird,
so handelt es sich gewöhnlich um einen Überraschungsangriff
gegen einen bisherigen Verbündeten.
Die Zukunftsstrategie, die alle drei Mächte
verfolgen oder zu verfolgen glauben, ist die
gleiche. Sie zielt darauf ab, sich durch ein Zusammenwirken
von Kampfhandlungen, Verhandlungstaktik
und zeitlich wohlberechnetem Verrat
einen Ring von Stützpunkten zu schaffen, der
den einen oder anderen der rivalisierenden Staaten
vollkommen einkreist, dann mit diesem Rivalen
einen Freundschaftspakt zu schließen und
so viele Jahre friedliche Beziehungen mit ihm zu
unterhalten, daß bei ihm jeder Argwohn ein
schläft. Während dieser Zeit können dann mit
Atombomben beladene Raketengeschosse an allen
strategisch wichtigen Punkten gehortet werden,
die plötzlich alle gleichzeitig mit so verheerender
Wirkung abgeschossen werden, daß eine Vergeltung
unmöglich ist. Dann ist der Zeitpunkt, mit
der anderen, noch übriggebliebenen Weltmacht
in Vorbereitung eines neuen Angriffs einen
Freundschaftspakt zu schließen. Es braucht kaum
betont zu werden, daß dieses Konzept ein Wunschtraum
ist, der sich unmöglich verwirklichen laßt.
Es kommt auch nie zu Kampfhandlungen, außer
in den strittigen Gebieten um den Äquator und
in der Antarktis; ein Einfall in feindliches Gebiet
wird nie unternommen. Das erklärt die Tatsache,
daß an manchen Stellen die Grenzen zwischen
den Superstaaten ganz willkürlich verlaufen.
Eurasien zum Beispiel könnte mit Leichtigkeit
die Britischen Inseln erobern, die geographisch
einen Bestandteil Europas bilden. Andererseits
wäre es für Ozeanien durchaus möglich, seine
Grenzen bis zum Rhein oder sogar bis zur Weichsel
vorzuschieben. Das aber würde das von allen
Seiten befolgte, wenn auch nie ausgesprochene
Prinzip der kulturellen Unantastbarkeit verletzen.
Wenn Ozeanien die früher als Frankreich und
Deutschland bekannten Gebiete eroberte, würde
es notwendig werden, entweder deren Bewohner
auszutilgen — eine in der Praxis sehr schwer
durchführbare Aufgabe — oder eine Bevölkerung
von rund hundert Millionen Menschen zu
assimilieren, die in ihrer technischen Entwicklung
ungefähr auf der Stufe von Ozeanien steht. Das
Problem stellt sich für alle drei Großstaaten in
der gleichen Form. Es ist für ihre Struktur unbedingt
erforderlich, daß die Bevölkerung keinen
Kontakt mit Ausländern hat, ausgenommen in
beschränktem Maße mit Kriegsgefangenen und
farbigen Sklaven. Sogar dem jeweiligen offiziellen
Verbündeten wird immer mit dem schwärzesten
Verdacht begegnet. Von Kriegsgefangenen abgesehen,
bekommt der Durchschnittsbürger von
Ozeanien niemals einen Bewohner Eurasiens oder
Ostasiens zu Gesicht, und die Kenntnis fremder
Sprachen ist verboten. Wäre es ihm erlaubt, mit
Ausländern in Berührung zu kommen, so würde
er entdecken, daß sie ganz ähnliche Menschen
sind wie er selber und daß das meiste, was man
ihm von ihnen erzählt hat, erlogen ist. Die künstlichen
Schranken seiner Welt würden plötzlich
fallen, und die Furcht, der Haß und die Selbstgerechtigkeit,
von denen sein Durchhaltewillen
abhängt, könnten sich verflüchtigen. Man hat deshalb
auf allen Seiten erkannt, daß die Hauptgrenzen
— so oft Persien, Ägypten, Java oder
Ceylon auch den Besitzer wechseln mögen, niemals
von etwas anderem als Bomben überquert
werden dürfen.
Dem liegt eine nie ausgesprochene, aber stillschweigend
erkannte und anerkannte Tatsache
zugrunde: daß die Lebensbedingungen in allen
drei Großstaaten fast genau die gleichen sind. In
Ozeanien wird die herrschende Weltanschauung
als Engsoz bezeichnet, in Eurasien heißt sie Neo-
Bolschewismus und in Ostasien wird sie durch ein
chinesisches Wort ausgedrückt, das man gewöhnlich
mit „Todeskult“ übersetzt, das man aber vielleicht
treffender mit „Auslöschung des eigenen
Ichs“ wiedergeben sollte. Der Bewohner Ozeaniens
darf nichts von den Grundsätzen der beiden
anderen Lebensanschauungen wissen, wird aber
gelehrt, sie als einen barbarischen Verstoß gegen
Moral und gesunden Menschenverstand zu verabscheuen.
In Wirklichkeit sind die drei Lebensanschauungen
kaum auseinanderzuhalten, und
die gesellschaftlichen Einrichtungen, zu deren
Stütze sie dienen, unterscheiden sich überhaupt
in keinem Punkt. Überall finden wir den gleichen
pyramidenförmigen Aufbau, die gleiche Verehrung
eines halbgöttlichen Führers, die gleichen
Sparmaßnahmen infolge und im Interesse eines
dauernden Kriegszustandes. Daraus folgt, daß die
drei Großstaaten nicht nur einander nicht besiegen
können, sondern auch gar keinen Vorteil
davon hätten. Im Gegenteil, solange sie in gespanntem
Verhältnis zueinander stehen, stützen
sie sich gegenseitig wie drei aneinander gelehnte
Getreidegarben. Und wie gewöhnlich sind sich
die herrschenden Schichten aller drei Mächte
gleichzeitig bewußt und nicht bewußt, was sie tun.
Ihr Leben ist der Eroberung der Welt geweiht,
aber zugleich wissen sie auch, daß der Krieg notwendigerweise
ewig und ohne Endsieg fortdauern
muß. Obendrein ermöglicht die Tatsache, daß
keine Gefahr einer Eroberung besteht, die Verleugnung
der Wirklichkeit, die eines der besonderen
Merkmale des Engsoz und der mit ihm rivalisierenden
Denksysteme ist. Hier muß noch einmal
daran erinnert werden, daß der Krieg, indem
er zu einem Dauerzustand geworden ist,
seinen Charakter grundlegend geändert hat.
In früheren Zeiten war der Krieg schon der
Definition nach etwas, das früher oder später
zu einem Ende kam, gewöhnlich in Form eines
unmißverständlichen Sieges oder einer unmißverständlichen
Niederlage. Auch war in der Vergangenheit
der Krieg eines der Hauptmittel, um
die Verbindung der einzelnen menschlichen Gesellschaftsordnungen
mit der greifbaren Wirklichkeit
aufrechtzuerhalten. Alle Machthaber haben
in allen Zeitaltern versucht, ihren Anhängern ein
falsches Bild von der Welt zu geben, aber sie
konnten es sich nicht leisten, sie in einer Illusion
zu erhalten, die ihre militärische Stärke beeinträchtigen
mußte. Solange eine Niederlage gleichbedeutend
war mit dem Verlust der Unabhängigkeit
oder ein anderes allgemein als unerwünscht
geltendes Ergebnis nach sich zog, mußte man
ernstliche Vorkehrungen dagegen treffen. Physische
Tatsachen konnte man dabei nicht außer
acht lassen. In Philosophie, Religion, Ethik oder
Politik mochte wohl zwei mal zwei gleich fünf
sein, sobald es sich aber um die Konstruktion
eines Gewehrs oder eines Flugzeugs handelte,
konnte es nur vier sein. Untüchtige Nationen wurden
immer früher oder später besiegt, der Wettbewerb
der Leistungsfähigkeit ließ keine Illusionen
zu. Außerdem mußte man, um leistungsfähig
zu sein, aus der Vergangenheit lernen können,
das heißt man mußte eine ziemlich genaue Vorstellung
von dem haben, was sich in der Vergangenheit
zugetragen hatte. Zeitungen und
Geschichtsbücher waren natürlich schon, immer
voreingenommen und einseitig, doch Fälschungen,
wie sie heute betrieben werden, wären früher unmöglich
gewesen. Der Krieg war gleichsam eine
sichere Bürgschaft der Ratio, gegenüber den herrschenden
Klassen vielleicht die wichtigste Bürgschaft.
Solange Kriege gewonnen oder verloren
werden konnten, durfte keine herrschende Klasse
vollkommen verantwortungslos sein.
Wenn der Krieg aber buchstäblich zu einem
Dauerzustand wird, hört er auch auf, gefährlich
zu sein. Dann gibt es auch so etwas wie militärische
Notwendigkeiten nicht mehr. Der technische
Fortschritt kann aufhören und die offenkundigsten
Tatsachen können geleugnet oder außer acht
gelassen werden. Wie wir gesehen haben, werden
für Kriegszwecke zwar noch mehr oder weniger
wissenschaftliche Forschungen angestellt, aber in
der Hauptsache handelt es sich dabei um Phantasiegespinste,
deren Ergebnislosigkeit ganz unwichtig
ist. Leistungsfähigkeit, selbst militärische
Leistungsfähigkeit, ist nicht mehr notwendig. In
Ozeanien ist außer der Gedankenpolizei niemand
leistungsfähig. Da jeder der drei Großstaaten uneinnehmbar
ist, stellt jeder von ihnen praktisch
eine Welt für sich dar, in der beinahe jede Gedankenverdrehung
ungestraft begangen werden
kann. Die Wirklichkeit macht sich nur durch den
Druck von Alltagserfordernissen bemerkbar —
insofern als man essen und trinken, wohnen und
sich kleiden muß, insofern man möglichst vermeiden
muß, Gift zu schlucken oder vom Dach
zu fallen. Noch besteht zwischen Leben und Tod,
zwischen körperlichem Wohlbefinden und physischem
Schmerz noch ein Unterschied, aber das ist
auch alles. Von der Berührung mit der Außenwelt
und der Vergangenheit abgeschnitten, gleicht der
Bürger Ozeaniens einem Menschen im interplanetarischen
Raum, der keinen Anhaltspunkt dafür
hat, wo oben oder unten ist. Die Machthaber
eines solchen Staates sind so absolut, wie es
weder Pharaonen noch Cäsaren sein konnten. Sie
müssen verhindern, daß mehr ihrer Anhänger
verhungern, als sich bequem bewältigen läßt, und
außerdem dafür Sorge tragen, daß sie selbst auf
dem gleichen Tiefstand militärischer Technik
stehenbleiben wie ihre Gegner. Sind diese Minimalforderungen
aber erst erfüllt, können sie der
Realität jede ihnen erwünschte Gestalt geben.
Der heutige Krieg ist demnach, wenn wir nach
den Maßstäben früherer Kriege urteilen, lediglich
ein Schwindel. Er ist den Kämpfen zwischen gewissen
Wiederkäuern vergleichbar, deren Hörner
in einem solchen Winkel wachsen, daß sie einander
nicht verletzen können. Doch wenn er auch
nur ein Scheingefecht ist, so ist er doch nicht
zwecklos. Denn mit seiner Hilfe wird der Überschuß
an Gebrauchsgütern vernichtet, und er trägt
dazu bei, die besondere geistige Atmosphäre aufrechtzuerhalten,
die eine hierarchische Gesellschaftsordnung
braucht. Der Krieg ist damit, wie
man erkennen wird, zu einer rein innenpolitischen
Angelegenheit geworden. In der Vergangenheit
bekämpften sich die herrschenden Klassen aller
Länder untereinander, wenn sie auch ihr gemeinsames
Interesse erkennen und infolgedessen die
zerstörende Wirkung des Krieges einschränken
mochten, und immer brandschatzte der Sieger
den Besiegten. Heutzutage kämpfen sie überhaupt
nicht mehr gegeneinander. Der Krieg wird von
jeder einzelnen herrschenden Klasse gegen ihre
eigenen Unterklassen geführt, und das eigentliche
Kriegsziel ist nicht, Gebietseroberungen zu
machen oder zu verhindern, sondern die Gesellschaftsstruktur
intakt zu erhalten. Infolgedessen
ist allein schon das Wort „Krieg“ heute irreführend,
und es wäre vermutlich richtiger, zu sagen,
daß der Krieg durch seinen Dauerzustand zu
existieren aufgehört habe. Der charakteristische
Druck, den er zwischen der späten Steinzeit und
der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts
auf die Menschen ausgeübt hat, ist verschwunden
und durch etwas ganz anderes ersetzt worden.
Im Grunde wäre die Wirkung die gleiche, wenn
die drei Großstaaten, statt einander zu bekämpfen,
dahin übereinkämen, in dauerndem Frieden
zu leben, ein jeder unangefochten innerhalb seiner
eigenen Grenzen. Denn in diesem Falle wäre
ebenfalls jeder eine in sich abgeschlossene Welt,
nur für immer von der hemmenden Wirkung einer
von außen drohenden Gefahr befreit. Ein wirklich
dauerhafter Frieden wäre das gleiche wie
dauernder Krieg. Das ist — wenn auch die große
Mehrheit der Parteimitglieder es nur in einem
sehr viel platteren Sinne begreift — der tiefere
Sinn des Schlagwortes: Krieg bedeutet Frieden.
Dieser Beitrag wurde 1 mal editiert, zum letzten Mal von Eastwood am 04.06.2008 13:07.
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Leberkrebs unregistriert
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Hmm, ich habe diesen Text jetzt nur bis zur Hälfte gelesen und dann abgebrochen. Nicht wegen der Länge des Textes, sondern weil bis dahin rund 90% der Aussagen mir nicht richtig und insbesondere veraltet erscheinen. Wann hat dieser Goldstein gelebt? Der Text passt in etwa noch zum zweiten Weltkrieg.
Vor allem gibt es mittlerweile schon 4 Machtblöcke: China-Asien, Islamstaaten, Europa, USA. Ein weiterer Machtblock im Bereich Südamerika-Afrika steht kurz vor der Entwicklung.
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M.F unregistriert
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| Zitat: |
Original von Leberkrebs
und insbesondere veraltet erscheinen. Wann hat dieser Goldstein gelebt? |
Stimmt wurde 1947 geschrieben, ist also etwas veraltet, aber trotzdem durchaus noch interessant.
Goldstein hat nicht wirklich gelebt, angelehnt ist er etwas an Trotzki.
1984 ist kein Sachtext sondern ein fiktiver Roman.
http://de.wikipedia.org/wiki/1984_(Roman)
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Eastwood unregistriert
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Goldstein ist eine erfundene Person, der als Autor des Buches THEORIE UND PRAXIS DES
OLIGARCHISCHEN KOLLEKTIVISMUS und Feindbild des Ozeaniens im Roman "1984" vorkommt. Die heutige Machtblöcke werden grade beschieben: mit Ozeanien ist USA und ihr Einflüssbereich beschrien, Mit Euroasien Russland und osteuropäische Länder, mit Ostasien China. Islamstaaten stellen Schlachtfeld da wo die Konflichte von Grossmächten ausgetragen werden und grade Kriege die dazu neigen dauerzustand zu bleiben Wie Afganistan oder Irak.
Umso erstaunlicher is es für denjenigen der Hintergrüde des Leben von Gorge Orwell nicht kennen, mit welcher Prätision er die heutige technogische und soziale Entwicklung beschreibt, und für uns wichtig ist auch die Arbeitsverhältnisse, und das schon im Jahr 1948.
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Leberkrebs unregistriert
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Wenn es wirklich Islamstaaten gelingt, Atomwaffen zu besitzen, dann werden sie definitiv auch militärisch zum Machtblock.
Hinsichtlich Erdöl und Kapitalmarkt, sind die Islamstaaten schon jetzt ein Machtblock. Dabei denke ich besonders an Saudi-Arabien. Dieses Land kann im Alleingang weltweites chaos verursachen durch:
1. Ölhahn abdrehen
2. Sheiks verkaufen plötzlich ihre gesamten Aktienpakete an der Weltbörse
Durch diese beiden Handlungen, könnte Saudi-Arabien innerhalb 24 Stunden die Weltwirtschaft zum völligen Zusammenbruch bringen. Das sollte man als Macht nicht unterschätzen.
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Eastwood unregistriert
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Da Islamstaaten auch untereinander ziehmlich zertritten sind, geht im Region lediglich darum die Machtverhältnisse zwischen USA und Russland zu verteilen. Wenn Saudi-Arabien wirklich ne Macht wäre wie könnte man dass Land Öl für lächerliche Preise an USA liefert, was die Ameriker für Europa und andere Länder für das 20fache weiterverkaufen. Ausserdem dort stationierte amarikanische Truppen würden nicht nur Abdrehung des Ölhahnes, sondern auch reduzierung der Mengen zu verhindern wissen.
Angriff auf Iran wurde durch nur Einmischung Russlands und Chinas verhindert.
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Eastwood unregistriert
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Letztendlich is es auch nicht so wichtig geographische Grezen der Mächte festzustellen, es ändert absolut nicht wenn noch eine neue Macht dazu kommen würde. Wichtig is Sinn und Zweck der heutigen kriegerischen Auseinandersetzungen. Da die Mitglieder der inneren Partei ständig darum bemühen die unterdruckte Bevölkerung mit der Arbeit auszulasten, wird es immer schwieger die erzeugte Produktionsgüter nicht zum Wohle der Allgemeinheit zu verwenden. Und Krieg ist ein Mittel dazu die Soldaten zu beschäftigen und gleichtig die Güter der menschlicher Arbeit zu vernichten. Denn Produktions Überschüsse würden hindern die Gesellschaft ständig in Armut, Hungersnot, Existenzangst, Unbildung und Vollbeschäftigung zu erhalten, das könnte herarchische Strukturen gefährden.
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Leberkrebs unregistriert
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Das Güterknappheit künstlich gefördert wird, um dadurch Profite zu machen, ist unbestritten.
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