|
|
über die justiz; ein beispiel
21.12.2007 00:19 |
 |
ich möchte euch gerne eine kleine geschichte erzählen.
eines tages betritt ein mann mittleren alters mit bierbauch, großer brille und einer pistole, nicht jedoch mit einer maske, eine kleine sparkasse irgendwo in deutschland.
er zwingt den einzigen angestellten am ort zum öffnen des tresors und erbeutet etwa 30000 euro. dann geht er mit dem angestellten in ein nebenzimmer und haut kräftig mit der waffe etwa zehn mal auf den kopf seines opfers.
zu diesem zeitpunkt betritt ein ehepaar die filiale. nach dem geräusch eines stöhnens sagt der ehemann zu seiner frau: "hier stimmt was nicht, lass uns gehen". doch gerade, als er die hand seiner gattin nimmt, betritt der täter den raum wieder und bringt auch das ehepaar ins nebenzimmer.
der ehemann liegt bauchlings, als ihm in den nacken geschossen wird. die kugel tritt am unterkiefer wieder aus, ohne lebenswichtige organe zu treffen. der mann wird schwer verletzt überleben.
die ehefrau wird zwei mal in den kopf geschossen, sie ist sofort tot.
diese geschichte ist tatsächlich passiert, wie ich gerade im spiegel gelesen habe (ursprünglich gekauft wegen dem artikel über die sich weitende schere deutschlands in bezug auf die manager-gehälter und die armen arbeiter).
es handelt sich um alfred b., der eine bäckerei aus einer erbschaft betreibt und nebenbei auf illegale weise geld herein holt.
seinen freispruch hat b. offenbar ungenügenden beweisen zu verdanken. die opfer und zeugen waren sich nicht eindeutig sicher, oder haben zwei verschiedene aussagen (er ist es sicher! und: er ist es wahrscheinlich!) gemacht.
was soll man dazu noch sagen. erst lese ich über manager, die ihre firma in den ruin treiben und trotzdem noch abfindungen und pensionen kassieren, die manchen lottogehältern trotzden.
und dann lese ich von einer justiz, die aus mangel an beweisen so einen mann laufen lässt. immerhin kommt es zu einer revision, wenn ich das richtig gelesen habe..
http://www.sueddeutsche.de/panorama/arti...63/2/print.html
http://www.tagesspiegel.de/zeitung/Die-D...;art705,2440064
|
|
|
|
|
|
Arne Kroger unregistriert
 |
|
Tja, wer in der BRD nicht zum Manager wird, sollte eben zum brutalen Mörder werden, das sollte man daraus lernen.
Die sind alle Deutschland.
|
|
|
|
|
|
Hansi unregistriert
 |
|
Das ist natürlich hart. Ich mein, gegen den Banküberfall ansich hab ich ja gar nix, da gibts genügend arme Schlucker, wo ich es durchaus nachvollziehen kann wenn die ne Bank knacken. Das man dann allerdings völlig sinnlos irgendwelche Leute umbringt ist natürlich scheiße und dann auch nur aus dem Grund der Habgier. Nuja und das unser Justizsystem scheiße ist, dass dürfte auch nix neues sein.
|
|
|
|
|
|
|
|
Möchtest du, quaid, dass Leute trotz Mangel an Beweisen verurteilt werden, weil sich irgendwelche Medien oder Leute aus dem Dorf sicher sind, dass er es war?
Oder was ist deine Aussage?
Ausserdem ist es mir lieber, wenn ein Mörder aus Mangel an Beweisen nicht verurteilt wird, als wenn ein Unschuldiger zu Unrecht verurteilt wird.
Eine Strafe macht einen Mord nicht ungeschehen, aber einen Unschuldigen zu verurteilen ist ein weiteres Verbrechen.
|
"Do you believe in free will?" "I have no choice."
|
|
|
|
|
|
|
|
| Zitat: |
| Ausserdem ist es mir lieber, wenn ein Mörder aus Mangel an Beweisen nicht verurteilt wird, als wenn ein Unschuldiger zu Unrecht verurteilt wird. |
es gibt genug beispiele für nicht verurteilte verbrecher, die danach weitere verbrechen begangen haben, wo die angehörigen der opfer auch am zweifeln waren.
insofern ist es genauso schlimm, ausser der nicht verurteilte verbrecher hört tatsächlich mit demselben tag auf, kriminell zu sein.
|
|
|
|
|
|
|
|
| Zitat: |
Original von quaid
| Zitat: |
| Ausserdem ist es mir lieber, wenn ein Mörder aus Mangel an Beweisen nicht verurteilt wird, als wenn ein Unschuldiger zu Unrecht verurteilt wird. |
es gibt genug beispiele für nicht verurteilte verbrecher, die danach weitere verbrechen begangen haben, wo die angehörigen der opfer auch am zweifeln waren.
insofern ist es genauso schlimm, ausser der nicht verurteilte verbrecher hört tatsächlich mit demselben tag auf, kriminell zu sein. |
Es besteht nur die Chance, dass er ein weiteres Verbrechen begeht und dafür kann man ihn auch verurteilen, wärend es bei der unschuldigen Verurteilung sicher ist, dass man ein Verbrechen begeht. Und der frei rumlaufende wirkliche Täter bei einer unschuldigen Verurteilung kann auch weiter Verbrechen begehen.
Ausserdem gibt es viel mehr Leute, die man unschuldig verurteilen könnte (gerade weil es auch sehr verlockend wird jemanden ein Verbrechen vorzuwerfen aus Rache oder ähnlichem) als Leute, die man wegen mangelnder Beweise laufen lassen muss.
Wieviele Unschuldige verurteilen ist denn deiner Meinung nach gerechtfertigt um auch ein paar Schuldige mehr hinter Gittern bringen zu können?
Wenn wirklich genügend Beweise vorliegen und nur das Gericht geschlampt hat (sind leider auch nur Menschen die eben auch Fehler machen), gibt es die Möglichkeit der Revision.
|
"Do you believe in free will?" "I have no choice."
|
|
|
|
|
|
|
|
Zum Thema Justiz kann ich folgendes beitragen:
"Noch abstruser erscheinen die Überlieferungen zu Tierprozessen und Tierstrafen. Oftmals wurden den Tieren während eines Prozesses Menschenkleider angezogen. Berkenhoff (1937) dokumentiert zahllose Fälle von Tierstrafen und Tierprozessen. Nach seiner Auffassung wurde das "missetätige Tier" den Verbrechern gleichgestellt und demnach "personifiziert" (S.45f).
Pferde wurden nach Berkenhoff (1937) nur selten bestraft (S.32). Die anderen Tierarten waren häufiger betroffen, vornehmlich wurden jedoch Schweine verurteilt (ebd., S.11). Bei der Hinrichtung von Schweinen war das Hängen die am häufigsten praktizierte Exekutionsart. Andere Praktiken wie Lebendigbegraben, Verbrennen, Ertränken oder Erwürgen kamen gelegentlich vor (ebd., S.13).
Ein Tierprozess fand dann statt, wenn man ein Tier an einem Unglück schuldig wähnte. In erster Linie handelte es dabei sich um Tötung von Menschen. Evans (1906) erwähnt einen Fall aus dem Jahre 1378, bei dem drei Säue einen Hirten töteten. In einem Gerichtsverfahren wurden die Tiere zum Tode verurteilt und gehenkt (In: ten Cate, 1972, S.107). Im Jahre 1641 wurde eine Sau, die einen Säugling getötet hatte, am Schweif eines Pferdes zu Tode geschleift (ebd., S.24).
Auch wird immer wieder das "Aufhängen" von Tieren berichtet, wobei das verurteilte Tier nicht erhängt, sondern an den Hintergliedmaßen aufgehängt wird, bis es auf diese Art zu Tode kommt (Berkenhoff, 1937, S.22)."
Die Arbeit ist etwas Unnatürliches. Die Faulheit allein ist göttlich.
Anatole France
16.04.1844 - 12.10.1924
----------------------------------------------------
"This doesn´t happen to fucking synthesizers." (Midge Ure beim Konzert in Augsburg am 16.10.05 nachdem ihm eine Gitarrensaite gerissen ist).
|
|
|
|
|
|
dian unregistriert
 |
|
Sehr geil. Vor allem das mit der Sau und dem Pferd hätte ich gerne mal live gesehen...
Ich finde, der Beitrag drückt sehr schön aus, wie lächerlich jeder Versuch von Menschen ist, durch Gerichtsverhandlungen so etwas wie Gerechtigkeit schaffen zu wollen.
Durch das Hängen oder Einsperren von Säuen wird die Welt nicht besser.
Der Richter, der wirklich ne bessere Welt will, möge bei sich selbst anfangen und sich gefälligst erschießen.
|
|
|
|
|
|
|
|
| Zitat: |
| , wie lächerlich jeder Versuch von Menschen ist, durch Gerichtsverhandlungen so etwas wie Gerechtigkeit schaffen zu wollen. |
das wollte ich eigentlich sagen.
würde man sich nach dem schwarz-weiß-schema entscheiden, könnte man nach der moral gehen und sich wie xoc entscheiden. lieber kontra unschuldige verurteilen und riskieren, dass menschen zu wiederholungstäter werden.
wo wir gerade dabei sind: gibt es ein rechtswesen in der anarchie? es ist ja sicher nicht so, dass die eigentumsverhältnisse sich auch über die körperschaften ausweiten, so dass es leibeigene geben würde oder gar morde derselben, weil ein anderer einen menschen für unnutz befunden hat. aber wenn es keine direkten höheren instanzen gibt..
|
|
|
|
|
|
dian unregistriert
 |
|
Ich habe für die neue Unity-Philosophie sogar extra ein ganzes Kapitel vorgesehen gehabt, in dem ich ausführlich schildere, wie ich mir anarchistische Rechtssprechung vorstelle...
Irgendwie hat das dann aber nicht so richtig reingepasst, weil ich im vorigen Kapitel (über Sicherheit, Überwachung etc.) schon vieles davon vorweggenommen habe.
Ich wollte mich nicht wiederholen und die Leser langweilen, daher hab ich mich dann dazu entschieden, das Kapitel ganz wegzulassen.
Ist daher auch nicht so hundertprozentig ausgereift, und einige Passagen dürften auch schon aus der alten Version bekannt sein. Aber wenn du darauf bestehst...
KAPITEL 5 - Justiz-Irrtum
An dieser Stelle zunächst einmal ein kleines Beispiel zu den Mißständen unseres heutigen Rechtssystems:
Ein Richter entscheidet in einer Sorgerechtsverhandlung darüber, dass ein Kind, das eigentlich viel lieber bei seiner Oma bleiben möchte, zurück zu seinen ungeliebten Eltern muss. Dabei beruft sich der Richter auf die bestehenden Gesetze, an die er sich bei seinem Urteil zu halten hat, und an die Aussagen einiger "Experten", die zu dem Ergebnis gekommen sind, dass es für das Wohl des Kindes am Besten wäre, bei seinen Eltern aufzuwachsen.
Der Polizist nimmt das Kind seiner verzweifelten Oma dann unter Androhung von Gewalt weg und bringt es zurück zu den Eltern, weil es das Gericht so beschlossen hat. Der Polizist beruft sich, genau wie der Richter, ebenfalls nur auf seine Befehle. Es ist schlicht und ergreifend sein Job, so zu handeln.
Zu Hause wird das Kind dann von seinem Vater totgeschlagen.
Wer ist nun mitschuldig am Tod des Kindes?
Der Richter, der ja nur vorhandene Gesetze ausgelegt hat?
Der Politiker, der diese Gesetze beschlossen hat... aber schließlich auch nur, weil er sich ja von den Menschen dazu beauftragt fühlte?
Die Bürger, die den Politiker gewählt haben?
Die vor Gericht angehörten Experten und Jugendamtsmitarbeiter, die sich eben in diesem Einzelfall „bedauerlicherweise" geirrt haben?
Der Polizist, der entlassen worden wäre, wenn er auf sein Herz und nicht auf seine Befehle gehört hätte?
Die Antwort:
Niemandem außer dem Vater kann man eine eindeutige Schuld zuweisen... da jeder nur ein kleines Rädchen in der gigantischen Maschine ist, die anderen Menschen tagtäglich vorschreibt, was sie zu tun und was sie zu lassen haben.
Und genau das ist das Unmenschliche, Erschreckende an einem jeden zu stark bürokratisierten System:
Anstatt selber Verantwortung zu übernehmen, definiert man sich nur als kleines Glied in einer langen Befehls- und Entscheidungskette. Man übernimmt einen Fall, bearbeitet ihn soweit, wie es einem aufgetragen ist, und reicht ihn dann an den nächsten Bearbeiter weiter.
Auf diese Weise hat kaum noch jemand den Überblick über die Gesamtsituation, muss sich also keine Vorwürfe machen, wenn er mal danebenliegt. Einmal mehr dient die Gemeinschaft, die Herde, dazu, sich in ihr zu verstecken... keine konkrete Schuld auf sich nehmen zu müssen, auch wenn man noch so falsch gehandelt hat.
Da passt es ganz gut ins Bild, dass Gerichtsurteile nach wie vor nicht im Namen der Personen, die dieses Urteil eigentlich zu verantworten haben, gefällt werden, sondern „im Namen des Volkes"... also im Namen von über 80 Millionen, die, ob sie wollen oder nicht, als Legitimation dafür herhalten müssen, dass einem Mitglied ihrer Herde, das ihnen höchstwahrscheinlich völlig unbekannt und daher vermutlich auch entsprechend egal sein dürfte, eine bestimmte Strafe aufgebrummt wird.
Generell muss man sagen, dass unser Rechtssystem die Feigheit und Unselbständigkeit des Einzelnen fördert.
Ursprünglich mag es eine interessante Idee gewesen sein, allgemeingültige Grundsätze wie „Du sollst nicht töten" aufzuschreiben und später auch Ausnahmefälle wie Notwehr dabei zu berücksichtigen, damit die Menschen gegebenenfalls schwarz auf weiß nachlesen konnten, welches Verhalten moralisch richtig ist und welches nicht.
Dummerweise ist das Leben jedoch weitaus vielschichtiger, als dass man den Unterschied zwischen "gut" und "böse" mal eben in ein paar leicht zu merkenden, allgemeingültigen Grundsätzen zusammenfassen könnte... und so gesellte sich in den verzweifelten Versuche der Rechtsgelehrten, das Leben doch noch irgendwie in eine Schablone zu pressen, im Lauf der Jahrhunderte Sonderregelung an Sonderregelung und Paragraphen an Paragraphen, bis schließlich aus einem Recht, das den Menschen eigentlich Klarheit und Sicherheit geben sollte, eine komplizierte Geheimwissenschaft wurde, die einen Laien mehr verunsichert, als dass sie ihm in irgendeiner Weise weiterhelfen würde.
Heute leben wir in einer Welt, in der man sogar seinen Nachbarn verklagen kann, weil ein Ast von dessen Baum ein paar Zentimeter in das eigene Grundstück hineinragt, sein Gartenhäuschen gegen irgendwelche Bauvorschriften verstößt oder sein Hund zu laut bellt.
Für jeden noch so belanglosen Vorgang gibt es ein eigenes Gesetz, so dass der Gang vors Gericht für viele Menschen längst zu etwas ganz Selbstverständlichem geworden ist.
Doch wieso glauben eigentlich so viele, dass es eine zivilisierte Form der Konfliktbewältigung sei, ihre Streitereien vor Gericht auszutragen?
Einen Menschen, von dem man beleidigt wurde, von fremden Personen verfolgen und bestrafen zu lassen... einen Streit, an desssen Eskalation man höchstwahrscheinlich nicht ganz unbeteiligt ist, plötzlich nicht mehr selbst weiterführen zu wollen, sondern stattdessen von unbeteiligten Dritten zu erwarten, dass sie für einen die heißen Kastanien aus dem Feuer holen...
Ist so etwas nicht eigentlich viel eher der Gipfel von Feigheit und Verantwortungslosigkeit?
Wie ein kleines Kind heulend zu seiner Mama flüchtet, wenn es sich mal wieder von irgendwelchen Spielkameraden ungerecht behandelt fühlt, rennen die Menschen heutzutage wegen absoluter Lappalien gleich zu ihrem Anwalt, um Schadensersatz, Unterlassung, Entschuldigung oder was auch immer zu fordern.
Rein pädagogisch betrachtet wäre es daher wohl am Sinnvollsten, man würde diese Menschen auch wie kleine Kinder behandeln... in dem man ihnen begreiflich macht, dass die Probleme, die sie zu haben glauben, doch eigentlich gar nicht so schlimm sind, oder in dem man sie dazu ermuntert, einander die Hand zu reichen und wieder miteinander zu spielen, anstatt weiterhin darüber zu streiten, welcher von beiden denn nun eigentlich mit dem Streit angefangen hat.
Lobt man solch streitsüchtige Kinder, die ständig Recht haben wollen und andere verpetzen, hingegen auch noch für ihr unselbständiges Verhalten, und lässt sie in dem Glauben, dass ihr feige Art Konflikte zu lösen, "zivilisiert", demokratisch, oder auch nur in irgendeiner Form anerkennenswert wäre, tut man weder sich selbst noch ihnen einen Gefallen damit... wird dies doch letztlich nur dazu führen, dass sich die Kinder vollends selbstüberschätzen und in Zukunft noch arroganter und besserwisserischer auftreten.
Angesichts der Tatsache, dass unsere Straßen, Geschäftsräume und Gerichtssäle längst mit diesen rechthaberischen, aber eigentlich doch nur feigen und unmündigen Kindern überflutet sind, kommt diese Warnung aber wohl schon ein wenig zu spät.
Es wird den Bürgern allerdings auch wirklich zu leicht gemacht, ihre Mitmenschen anzuzeigen und eine Bestrafung zu fordern... schließlich läuft ja alles ganz steril hinter verschlossenen Türen ab, und außer den unmittelbar Betroffenen und den Amtsdienern bekommt kaum jemand etwas von einem solchen Vorgang mit.
So anonym, wie Rechtssprechung in unserem heutigen System abläuft, wo nur einige wenige Auserwählte hinter verschlossenen und gut bewachten Türen von dem ganzen Prozess überhaupt etwas mitbekommen und oft nicht einmal Fotos davon gemacht werden dürfen, ist es ja kein Wunder, dass dabei dann oftmals ungerechte, weltfremde Urteile herauskommen, die man als normaler Mensch gar nicht mehr nachvollziehen kann, und dass Menschen andere problemlos denunzieren können, ohne auch nur die geringsten Konsequenzen für ihr verräterisches Tun fürchten zu müssen.
Sinnvoller wäre es, die notwendigen Verhandlungen wirklich öffentlich zu machen, in dem die ganze Dorfgemeinschaft oder zumindest die nähere Nachbarschaft in den Prozess mit einbezogen wird... und es sollte auch in ihrer Mitte, beispielsweise auf dem Markplatz, vor ihren Kindern, Gästen und Durchreisenden, darüber verhandelt werden, wo sich jeder bei Bedarf an der Wahrheitsfindung beteiligen und seine eigene Meinung vorbringen kann, und nicht in irgendeinem unpersönlichen Staatsgebäude, das schon allein aufgrund der dort herrschenden steifen Umgangsformen und der keimfreien, bürokratisch-kalten Atmosphäre den Eindruck erweckt, weit weg über jeglicher Lebensrealität zu schweben.
Im Idealfall wären diejenigen, die in einem solchen das Urteil fällen, dann auch keine im Akkord arbeitenden Fließband-Richter, die mal eben zwischen Frühstück und Kaffeepause ungerührt über das weitere Schicksal eines ihnen unbekannten Menschen entscheiden, weil das eben ihr Job ist, sondern angesehene Menschen aus der Mitte der Bevölkerung, denen sowohl Kläger als auch Angeklagter Respekt entgegenbringen, und die schon allein aus eigenem Interesse heraus an einer dauerhaften, befriedigenden Lösung des in ihrer Nachbarschaft tobenden Konfliktes interessiert sind.
Anders als heute üblich, wo ein vor Gericht Geladener nur dann sprechen darf, wenn ihm explizit Rederecht eingeräumt wird, und er ansonsten nur ohnmächtig dabei zuschauen muss, wie Anwälte, Sachverständige und Beamte über ihn reden, sollten die unmittelbar Betroffenen (also Beschuldigte, Zeugen und Opfer) im Mittelpunkt eines Prozesses stehen, und damit auch alle Freiheiten haben, sich selbst gegen Vorwürfe, die ihnen zur Last gelegt werden, zu verteidigen und ihre eigene Sicht der Dinge darzustellen. Selbstverständlich sollten sie auch Menschen benennen dürfen, die für sie bürgen, oder sonst in irgendeiner Weise etwas sinnvolles zur Urteilsfindung beizutragen haben.
Anwälte, die sich im Allgemeinen weder für die Wahrheit noch das Leid der Betroffenen interessieren, sondern sich einzig und allein deshalb in einem Prozess engagieren, weil es nun einmal ihr Job ist, den sie bestmöglich erledigen wollen, wären in einem Rechtssystem, in dem es wirklich um Gerechtigkeit und weniger um Gesetzesauslegung ginge, dann auch komplett überflüssig.... sind doch sadistische Staatsanwälte, die es als ihren Beruf betrachten, für die Angeklagten allein schon aus Prinzip eine möglichst hohe Strafe zu fordern, für ein zivilisiertes Gemeinwesen mindestens genauso entbehrlich wie Rechtsanwälte, die sich einen Dreck um Moral und Charakter ihres Mandanten scheren, so lange der sie nur anständig dafür bezahlt, dass sie ihn als redlichen, aufrichtigen Menschen darstellen.
Die Annahme, dass die Verlogenheit des Rechtsanwaltes und der Fanatismus des Staatsanwaltes sich dann irgendwo in der Mitte treffen, gegenseitig neutralisieren und dabei dann so etwas wie Gerechtigkeit entsteht, ist jedenfalls mehr als nur naiv... Weitaus realistischer ist es wohl, dass sich entweder der eine mit seinen dreisten Verharmlosungen oder der andere mit seiner überzogenen Panikmache durchsetzt, und das Ergebnis dann allen Beteiligten und Prozessbeobachtern als "gerechtes Urteil" verkauft wird.
Doch in den allermeisten Fällen, vor allem, wenn es um Streitigkeiten der Bürger untereinander geht, kann es gar nicht gerecht sein, der einen Partei das alleinige Recht zuzusprechen und die andere Partei als Verlierer vom Platz gehen und die Prozesskosten übernehmen zu lassen...
Das wäre höchstens dann gerecht, wenn man auf der Welt immer klar zwischen "gut" und "böse", "schuldig" und "unschuldig" unterscheiden könnte. In der Regel liegt dies jedoch allein im Auge des Betrachters... und anstatt dass das Gericht nun als Vermittler fungieren würde, um den Streithähnen dabei behilflich zu sein, die Sichtweise des jeweils anderen zu verstehen und einen Kompromiss zu finden, sucht es sich einen von beiden aus, den es zum Sieger erklärt... zur strahlenden, gesetzestreuen Lichtgestalt, zum unschuldigen Opfer eines fiesen Gesetzesbrechers. Den anderen erklärt es zum Schuldigen, tritt ihn in den Staub und lässt ihn für seine verbrecherische Streitlustigkeit teuer bezahlen.
Das ist, wie wenn zwei weinende Kinder zu ihrer Mutter rennen und sich gegenseitig beschuldigen, ihr Lieblingsspielzeug kaputt gemacht zu haben...
Die Mutter hört sich an, was beide zu sagen haben, wischt schließlich dem einen fürsorglich die Tränen ab und verpasst dem anderen eine schallende Ohrfeige. Natürlich ist der Streit dadurch für's Erste geklärt. Das eine Kind ist zufrieden, weil es seinen Willen durchsetzen konnte... das andere schweigt aus Angst vor weiteren Strafen.
Langfristig dürfte das Klima in der Familie dadurch jedoch kaum besser werden...
Im Gegenteil: Anstatt einen Ausgleich zu schaffen und bei ihrem Nachwuchs Verständnis füreinander zu wecken, sät die Mutter mit ihrem Urteil nur Neid und unterschwelligen Hass, der sich irgendwann in noch viel heftigeren Streitereien entladen wird.
Eine bewusste Vergiftung des zwischenmenschlichen Klimas also, nur um wenigstens für den Moment Ruhe zu haben...
Was jeder Mutter den Vorwurf einbringen würde, in der Erziehung ihrer Kinder sehr ungeschickt vorzugehen, ist bei Gerichtsverhandlungen jedoch gang und gäbe.
Besser wäre es allemal, der Gang vor Gericht wäre weniger ein Gang, der für den einen in einem Freudetaumel und für den anderen in Trauer und Verzweiflung endet, sondern ein Gang zu einem weisen Streitschlichter... zu einem weitsichtigen Gremium, das sich weniger dafür interessiert, bestimmte Paragraphen möglichst korrekt umzusetzen und Menschen, die es als "schuldig" eingeordnet hat, für ihre Untaten zu bestrafen, sondern dem es in erster Linie darum geht, dass sich die beiden Streitenden die Hand reichen und einander ihre Missetaten vergeben, damit man zukünftig in Frieden und gegenseitigem Respekt miteinander koexistieren kann.
Doch nicht nur Modus und vorrangige Ziele einer Gerichtsverhandlung müssten dringend komplett hinterfragt werden, sondern vor allem auch die heute übliche Bestrafungspraxis, die anstatt Kriminalität zu verhindern und einen gerechten Ausgleich zu schaffen oft genug das genaue Gegenteil bewirkt.
Bei kleineren Vergehen etwa hat es sich eingebürgert, den Sünder eine Geldstrafe entrichten zu lassen... und das, obwohl es im Grunde völlig kontraproduktiv, jemandem, der beispielsweise kein Geld für die Straßenbahn hat und Schwarzgefahren ist, noch mehr Geld wegzunehmen, damit er sich in Zukunft erst Recht kein Ticket mehr leisten kann.
Vielleicht wird er aus Angst, erneut erwischt zu werden, in Zukunft nicht mehr mit der Bahn fahren... aber das Geld, das ihm nun zum Leben fehlt, wird er sich dann höchstwahrscheinlich durch andere illegale Aktivitäten zurückholen.... durch Ladendiebstahl, Einbruch, Drogenhandel oder ähnliches.
Jedenfalls kann man unmöglich so naiv sein, zu glauben, dass eine Strafmaßnahme, die für reiche Bürger nur einen lästigen Griff in die Portokasse bedeutet, bei Armen aber die ganze Existenz gefährden kann, auch nur ansatzweise dazu geeignet ist, für mehr soziale Gerechtigkeit zu sorgen.
Nicht besser sieht es bei der Ahndung schwerwiegenderer Straftaten aus.
"Erstmal wegsperren und hoffen, dass er sich irgendwann ändert..." - das scheint in den Augen der breiten Masse fast schon ein Allheilmittel gegen jede schwerere Form von Kriminalität zu sein. Man wendet es gegen Jugendliche, die zum wiederholten Mal im Supermarkt geklaut haben, ebenso an wie gegen notorische Schwarzarbeiter und geisteskranke Serienkiller.
Ja, man bezeichnet die Art und Weise, wie Häftlinge heutzutage untergebracht werden, sogar als "human"... was ein wenig so klingt, als ob hinter den dicken Gefängnismauern Mutter Theresa warten und den Gefangenen rund um die Uhr tröstend die Hand halten würde, eigentlich aber nur verschleiern soll, dass das Einsperren eines Menschen, die Beschlagnahmung all seiner Sachen und Rund-um-die-Uhr-Überwachung ohne richtige Privatsphäre und Kontakt zur Außenwelt im Grunde genommen Psychoterror in seiner schlimmsten Form ist, dessen Wirksamkeit, über den bloßen Abschreckungscharakter hinaus, zudem stark bezweifelt werden darf.
Im besten, aber wohl eher seltenen Fall erreicht man damit zwar tatsächlich, dass die Täter durch die Isolation von ihrem gewohnten Umfeld zum In-Sich-Gehen und Nachdenken kommen, und dabei neben etlichen falschen Gedanken auch den einen oder anderen vernünftigen entwickeln.
In der Regel wird man aber nichts anderes bewirken, als dass die Verurteilten, wenn überhaupt, dann allein aus Angst vor einer erneuten Bestrafung keine weiteren Verbrechen mehr begehen.
Läuterung durch Angst ist allerdings im Prinzip genau das Gleiche, was die Kirche im Mittelalter mit den sogenannten "Heiden" gemacht hat... und was war das Ergebnis dieser jahrhundertelang praktizierten Erziehungsmethode? Eigentlich doch nur, dass sich die Menschen im Namen der Religionen, die ihnen durch ständige Drohungen eingehämmert wurden, auch heute noch gegenseitig die Köpfe einschlagen, weil sie zwar die Strafen und Brutalität ihrer Religion verinnerlicht haben, aber leider nicht den dahintersteckenden Geist.
Man kann Menschen nicht durch Gewalt zu überzeugten Dienern einer friedfertigen Religion machen... das ist eigentlich heutzutage auch den allermeisten von uns klar. Doch Menschen mit Gewalt (und eine Gefängnisstrafe ist nichts anderes als ständige, allgegenwärtige Gewalt) zu Dienern einer zivilisierten Gesellschaft und zum Einhalten ihrer Gesetze zu bewegen, wird nach wie vor von vielen als eine geeignete Methode betrachtet.
Dabei belegen die hohen Rückfallquoten von aus der Haft entlassenen Menschen eindeutig, dass es wohl kaum eine unsinnigere Bestrafung gibt, als jene, die sowieso schon dabei sind, der zivilisierten Gemeinschaft zu entgleiten, auch noch mit asozialen Gleichgesinnten zusammenzupferchen und sie völlig von dem normalen Alltagsleben auszuschließen, in das man sie ja früher oder später wieder integrieren möchte.
Vielmehr sollte man rein logisch betrachtet das genaue Gegenteil davon tun... nämlich diejenigen, die gestrauchelt sind, mit besonders ehrenwerten Menschen zusammenführen, die ihnen als Vorbild dienen und vielleicht noch das eine oder andere beibringen können.
Doch jene, die in unserer Gesellschaft als "ehrenwert" gelten... reiche Mitbürger, angesehene Politiker, Schauspieler, Popstars, Professoren, etc... haben dummerweise überhaupt kein Interesse daran, beispielsweise mit jugendlichen Straftätern zusammenzuleben und denen ein Freund und Mentor zu sein. Das könnte ja schließlich gefährlich werden, es könnte sie selber in ihrer Freiheit einschränken, oder einfach nur ihre kostbare Zeit vergeuden... und so weit geht die Liebe der oberen Zehntausend zu der Gemeinschaft, für die sie angeblich immer nur das Beste wollen, dann doch nicht.
Genau, wie sich der Durchschnittsbürger zwar fürchterlich über die hohe Kriminalitätsrate aufregen kann, aber sofort kneift, wenn er mal die Möglichkeit hätte, selber etwas zu konkreter Kriminalitätsprävention beizutragen... beispielsweise bedürftigen Nachbarn aus einem finanziellen Engpass zu helfen, oder sich einfach nur mal mit Kindern aus sozial schwachen Verhältnissen, Alkoholikern, Asylbewerbern und ähnlichen gefährdeten Personen zusammenzusetzen und ihnen seine Unterstützung anzubieten.
Letztlich ist sich eben jeder selbst der Nächste... eine Mentalität, mit der die gesellschaftlich etablierten Menschen dann sogar tatsächlich ein Vorbild für gestrauchelte Jugendliche sind. Allerdings ein zutiefst negatives.
"Jeder ist sich selbst der Nächste" denkt sich nämlich auch der notgeile Vergewaltiger von nebenan, oder der Räuber, der einen Taxifahrer wegen ein paar Euro erschießt.
Das rechtfertigt ihre Untaten nicht, verdeutlicht aber, dass sich eine Gesellschaft, in der Solidarität nicht wirklich gelebt wird, über ihre hohe Kriminalitätsrate nicht zu wundern (und schon gar nicht zu beklagen) braucht.
Eine kaltherzige Welt wird immer kaltherzige Menschen hervorbringen. Und ein jedes Rechtssystem, das nicht unbürokratisch verzeihen kann, sondern bei allem, egal ob Unfall, Nachbarschaftsstreit oder Wirtshausschlägerei, immer unerbittlich einen Schuldigen sucht, den man dafür bestrafen kann, wird einem Mörder auch in zweihundert oder dreihundert Jahren Haft nicht glaubwürdig vermitteln können, wieso er nicht das Recht gehabt haben soll, den "Schuldigen", der ihm die Frau ausgespannt hat, für dessen Verhalten zur Rechenschaft zu ziehen..
Es kann ihm höchstens klar machen, dass es dumm von ihm war, ein Gesetz zu brechen und sich dann auch noch erwischen zu lassen... die wirklich wichtigen Lektionen, die asoziale Härtefälle eigentlich lernen müssten, nämlich Lektionen in Sachen Humanität, menschlicher Größe und Mitgefühl, werden ihnen von unserem heutigen Justizsystem dagegen ganz sicher nicht beigebracht.
|
|
|
|
|
|
Arne Kroger unregistriert
 |
|
Aber solange diese Gleichheit vor dem Gesetz eben nur, wie Du selber sagst, @Lovecraft, rein "formal" ist, und es keine Handhabe gibt, diese Gleichheit auch in Realität umzusetzen, sind alle Anhänger des hiesigen Rechtssystem eben ausnahmslos fundamentalistische utopistische Spinner.
Sicherlich bringt @Dians Rechtssystem Rechtsunsicherheiten und u.U. auch Ungerechtigkeiten mit sich, aber das ist eben im jetzigen System nicht anders. Insofern stellt es eben keinerlei Verschlechterung der jetzigen Situation dar, maximal wird es demokratischer mit all den entsprechenden Vor- und Nachteilen.
|
|
|
|
|
|
|
|
Das Rechtssystem soll nicht "demokratisch" sein - das fordert ausgerechnet einer, der sonst auf die Demokratie pfeift - sondern den von mir angesprochenen Grundsätzen genügen, und dabei natürlich, wenn auch nur durch formale Gleichheit, Gerechtigkeit schaffen.
Es ist nicht Aufgabe des Rechtssystems an sich, für "soziale Gerechtigkeit" in Deinem Sinne zu sorgen - das muß geschehen durch Erlassen von entsprechenden Gesetzen (Sozialgesetzgebung). Sprich: Läßt sich alles regeln, ohne das Rechtssystem selbst auch nur im Geringsten infrage zu stellen.
Und: Die Bedeutung der Rechtssicherheit kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Die wäre in so einem System nicht mehr gegeben. Wenn es zu kompliziert ist - diese Einschätzung kann ich sogar noch teilen -, dann müßten gesetzliche Regelungen einfacher gemacht werden. Das nennt sich Bürokratieabbau.
Ach, noch so viel mehr, aber es nützt einfach nichts - ich will kein Gemeinschaftskundelehrer für die Unbelehrbaren sein.
Dieser Beitrag wurde 1 mal editiert, zum letzten Mal von Lovecraft am 23.12.2007 11:02.
|
Sollen sie mich doch hassen, wenn sie mich bloß fürchten. (Unveröffentlichtes Abizeitungs-Lebensmotto)
|
|
|
|
|
|
dian unregistriert
 |
|
| Zitat: |
| Es ist nicht Aufgabe des Rechtssystems an sich, für "soziale Gerechtigkeit" in Deinem Sinne zu sorgen - das muß geschehen durch Erlassen von entsprechenden Gesetzen (Sozialgesetzgebung). Sprich: Läßt sich alles regeln, ohne das Rechtssystem selbst auch nur im Geringsten infrage zu stellen. |
Im Prinzip sagst du doch nichts anderes als ich.
Nämlich, dass das Rechtssystem nicht grundsätzlich "gut" oder gerecht ist, sondern einfach nur dazu da ist, die Ideen der Mächtigen (sprich: die Gesetze) konsequent im Alltag umzusetzen.
Sind diese Gesetze gut, kann auch das Rechtssystem Gutes bewirken, in dem es dafür sorgt, dass diese Gesetze korrekt umgesetzt werden. Sind sie aber menschenverachtend, so macht sich das Rechtssystem automatisch zum Erfüllungsgehilfen dieser menschenverachtenden Gesetzgebung.
Oder anders formuliert:
Das Rechtssystem ist nichts weiter als ein praktisches Werkzeug, um dafür zu sorgen, dass die von oben beschlossenen Richtlinien für alle Menschen gleichermaßen umgesetzt werden.
Das mag auf den ersten Blick so wirken, als ob es für Gleichheit sorgt... aber eben nur auf den ersten Blick. Denn jene, die die Gesetze beschließen, werden immer ein wenig gleicher sein als jene, die dann hinterher ungefragt darunter zu leiden haben.
Ich sehe nichts positives an einem solchen Werkzeug, außer dass es die öffentliche Ordnung aufrechterhält und dazu beiträgt, dass unser verkorkstes System trotz aller Unzufriedenheit in der Bevölkerung weiterhin reibungslos funktionieren kann.
|
|
|
|
|
|
|
|
Wer Recht und Gerechtigkeit voneinander trennt, landet ganz schnell bei einer dezisionistischen Haltung, d.h. nicht mehr der Inhalt der rechtlichen Ordnung ist das Primäre, sondern nur dass überhaupt irgendeine Ordnung herrscht. Ein Rechtssystem ist aber nur insofern neutral, als dass es formal alle gleich behandelt - hinter dem Ganzen steht allerdings nicht der allmächtige Geist der humanistischen Aufklärung, der das Primat der Vernunft gegen jede Willkür und Unsicherheit zu verteidigen strebt, sondern ein durchaus ökonomisches bzw. politisches Interesse. Das äußert sich einerseits darin, dass das geschäftige Treiben im Kapitalismus sich der Rechtssicherheit und des Schutzes von Privateigentum versichern kann, und andererseits rechtliche Abweichler (sprich Verbrecher) zum kalkulierbaren Objekt der Verwaltung gemacht werden können.
Wer wirklich den Anspruch hätte, durch das Rechts- und Strafsystem Verbrechen zu verhindern oder Täter zu 'resozialisieren', müsste angesichts der tatsächlichen Abschreckungs- oder Rückfallquote schon die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Insofern ist es absolut legitim, wie @dian nach dem Sinn und Zweck dieses Apparats zu fragen, auch wenn ich mich mit seinen Alternativorschlägen nicht unbedingt anfreunden möchte. Aber mit der Justiz verhält es sich halt wie mit der 'Gesamtscheiße' an sich. Jeder vernünftige Mensch sieht diesen Irrsinn zwar, kapituliert aber häufig zugleich vor der Perspektivlosigkeit. Perspektiven zu entwickeln, wäre aber Aufgabe jeder emanzipatorischen Politik.
Bloß hege ich ernsthafte Zweifel an der Annahme, die Herrschenden hätten überhaupt ein Interesse daran, Frieden und Gerechtigkeit in der Gesellschaft herbeizuführen. Ein bestimmtes, kalkulierbares Maß an Unsicherheit (auch durch kriminelle Bedrohung) ist immer auch ein gutes Instrument zur Einschüchterung und damit zur Legitimierung autoritärer, den Status Quo absichernder Instanzen und Eingriffe. So hängen das Verbrechen und der (Rechts-)Staat aneinander wie Wirt und Parasit.
The Loathsome mask has fallen the man remains
Sceptreless, free, uncircumscribed, but man
Equal, unclassed, tribless and nationless,
Exempt from awe, worship, degree, the king,
Over himself, just, gentle, wise.
Percy Bysshe Shelley
Indessen ist das gerade wieder der Vorzug der neuen Richtung, dass wir nicht dogmatisch die Welt antizipieren, sondern erst aus der Kritik der alten Welt die neue finden wollen. Karl Marx
|
|
|
|
|
|
|
|
Das Rechtssystem ist ein Werkzeug, um Regeln durchzusetzen, mehr nicht.
Es ist genauso klar von Gerechtigkeit getrennt wir ein Messer vom Butterbrot Streichen.
Das Messer ist nur ein Werkzeug und als solches weder gut noch schlecht, die Frage ist, wofür man es einsetzt.
|
"Do you believe in free will?" "I have no choice."
|
|
|
|
|
|
Arne Kroger unregistriert
 |
|
Ja, so kann man das auch einfach sagen, @Xoc, aber man kann ja eben auch mal Brot ohne Butter essen, macht auch weniger dick.
Und genau darum geht es, @Lovecraft:
Das Rechtssystem soll also nicht demokratisch sein???
Also, nicht durch demokratische zustande gekommene Gesetze oder demokratisch ernannte Richter beeinflusst werden???
Wodurch denn?
Durch den lieben Gott? Scharia für alle? Und Muftis als Richter???
Genau deshalb haben wir ja diese Dreiteilung, weil sie sinnvoll war, einen aristokratischen Staat in einen kapitalistischen umzuwandeln.
Und dieser Kapitalismus braucht Rechtssicherheit, wie @Lonewolf richtig schreibt. Ohne diese sog. Rechtssicherheit könnte er sich nicht verbreiten. Solange das Eigentum vom Produktionsmittel gesetzlich vorgeschrieben ist, ist auch diese Rechtssicherheit wichtig.
Nur:
Es gibt auch nix langweiligeres als Sicherheit. Deshalb ist sowohl das heutige Rechtssystem nur noch eine Relikt, um die herrschenden Machtverhältnisse beizubehalten.
Und wenn man die jetzt herrschenden Machtverhältnisse verändern will, ist auch dieses Rechtssystem einschließlich seiner Rechtssicherheit überflüssig.
Der Vorteil von @Dians Modell wäre tatsächlich, dass man eben weiß, wenn man ein bestimmtes Territorium betritt, dass man da auch ohne Rechtssicherheit eintritt (Ist ja auch schon heute so, dass ich nur bedingt die ein oder andere Ecke in einigen größeren Städten hier in der Umgebung empfehlen kann, wenn sich jemand Rechtssicherheit wünscht!)
|
|
|
|
|
|
|
|
ich glaube, Lovecraft meint lediglich, dass die Anwendung der Regeln nicht demokratisch sein sollte.
Da stimme ich ihm auch zu, idealerweise sollten die Regeln so klar und eindeutig formuliert sein, dass sogar eine Maschine sie anwenden kann.
|
"Do you believe in free will?" "I have no choice."
|
|
|
|
|
|
Seneca unregistriert
 |
|
Der Freispruch ist absolut korrekt. Gibt es keine eindeutige Beweiselage, so muss eben ein Freispruch erfolgen. Die Schuld hierfür sollte man nicht dem Rechtssystem geben, sondern denen, die so schludrig ermittelt haben.
Problem am Rechtssystem und an den ganzen Justizgeschichten ist doch im Prinzip immer das gleiche wenn man es von vorne her durchdenkt:
Nehmen wir mal an jemand tut etwas von dem die anderen der Meinung sind, dass es Unrecht ist. In dem Augenblick sind alle direkt beteiligten ja befangen und emotional gesteuert. Würde man nun eine Art Richterkommission bestehend aus dem Ehemann des Mordopfers, den Bankangestelten und den Betroffenen Angehörigen zusammenstellen, so würde der Angeklagte unabhängig, ob wirklich er der Schuldige war zum Tode verurteilt. Und überhaupt würde sowieso jeder sofort schuldig gesprochen sobald es einen wutenden Kläger gibt. Die Folge wäre, dass es sehr viel Unschudlige Opfer gäbe, denn Wütende Angehörige hält bekanntlich niemand auf.
Und genau deshalb bedarf es eines neutralsmöglichen Gerichtes, welches emotional in der Sache nicht mit drin hängt.
Und dann MUSS man die entsprechenden Fälle nach geltendem Recht neutral angehen, auch wenn das eben manchmal bitter ist.
| Zitat: |
| ich glaube, Lovecraft meint lediglich, dass die Anwendung der Regeln nicht demokratisch sein sollte. |
Genau so ist es. Demokratie allgemein hat nämlich einen verdammt gefährlichen Haken: Sie stellt die Meinung der Mehrheit pauschal als richtig hin. Und das stimmt eben nicht. Ich behaupte sogar mal, dass Demokratie verdammt gefährlich sein kann. Und zwar an denen Stellen wo sich die Mehrheit eben erfahrungsgemäß kein vernünftiges Urteil bilden kann. Dies kann in Rchtsfragen sein oder auch in anderen Dingen. Und da muss man so klug sein und die Demokratie mal außen vor lassen, sonst kommt man auf keinen vernünftigen Zweig.
|
|
|
|
|
|
Arne Kroger unregistriert
 |
|
Nur, wie sollen dann die Richterstellen besetzt werden Deiner Auffassung nach, @Seneca?
Per Erbrecht? Durch Losverfahren??
Dann kann man auch gleich wieder irgendeine Schlange beauftragen, die Wahrheit herausfinden zu lassen.
Nochmal:
Wenn es eine objektive Gerechtigkeit geben sollte, wie würde die aussehen denn Eurer Meinung nach?
Ich sehe nicht, dass es die überhaupt geben kann.
Dass nicht unbedingt derjenige, der die Vorwürfe erhebt, der geeignetste Richter ist, würde ich auch so sehen. Aber in einer überschaubaren Gemeinschaft müsste es Menschen geben, die die Glaubwürdigkeit des Einzelnen besser beurteilen können als irgendwelche völlig willkürlich genommenen Personen.
|
|
|
|
|
|
|