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Zum Ende der Seite springen Wie und warum das allgemeine Bildungswesen unsere Kinder verkrüppelt  
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M.F
unregistriert
21.12.2007 17:35 Diesen Beitrag einem Moderator melden Zum Anfang der Seite springen

Ja wir haben Kopfnoten für "Arbeitsverhalten" und "Sozialverhalten" .
Warum ich in Arbeitsverhalten auf ner 4-5 stehe, könnt ihr euch ja denken Augenzwinkern
Also ich wusste nicht mal, dass es Länder gibt, bei denen es sowas nicht gibt.
Hat sich seit dem ich in die Schule gehe nicht geändert, das Benotungssystem.

Toll finde ich ich die Sache die Sache natürlich nicht.

Xoc

lol

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21.12.2007 18:51 Diesen Beitrag einem Moderator melden Zum Anfang der Seite springen

In einer fairen Umgebung finde ich subjektive Benotungen besser als nur einen objektive Kriterienkatalog. Dazu gehört allerdings inbesondere, dass das auf gegenseitiger Freiwilligkeit beruht.

"Do you believe in free will?" "I have no choice."
E-Mail an Xoc senden
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Arne Kroger
unregistriert
22.12.2007 02:48 Diesen Beitrag einem Moderator melden Zum Anfang der Seite springen

Also, wir hatten Kopfnoten bis einschließlich des 6.Schuljahres.
Da waren solche Sachen dabei wie Führung oder Betragen, Häuslicher Fleiß, Beteiligung am Unterricht und Schulbesuch.

In der Grundschule waren da noch so Sachen bei wie Schrift und Ordnung und so.

Waren aber alles Schulnoten, kommentiert hätte ich das auch besser gefunden.

Black Sunshine

Überall und Nirgends

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22.12.2007 22:19 Diesen Beitrag einem Moderator melden Zum Anfang der Seite springen

Wir hier in NRW haben die Kopfnoten seit diesem Schuljahr...
Es werden die Noten 1-4 vergeben für Sozial- und Arbeitsverhalten. Alle Lehrer bei dem man unterrichtet wird, benoten einem danach und geben diese Note an den Klassenlehrer weiter, der daraus das Zeugnis erstellt. Unsere Schule macht das so, jede/r steht erst mal grundsätzlich auf ner 2 und sollte er/sie negativ im Unterricht auffallen, kann man dem Schüler/der Schülerin eine 3 oder ggf. eine 4 geben. Im Moment müssen sich die Lehrer erst einmal einig werden wie sie zwischen einer 1 und einer 2 unterscheiden wollten...
Ich zweifel daran das Lehrer die 4 (die ja wirklich die schlechteste Note ist) geben, bei der 3 steigt die Wahrscheinlichkeit schon, aber vorhersagen kann ich das nicht wie die Lehrer bewerten. Am 18. Januar gibt es die ersten Zeugnisse mit Kopfnoten für uns, und da werde ich es ja sehen was die Lehrer gegeben haben.

Dieser Beitrag wurde 1 mal editiert, zum letzten Mal von Black Sunshine am 22.12.2007 22:21.



Wer nicht loslässt, kann nicht grenzenlos genießen.

Wer nicht wenigstens einmal im Leben Lust gehabt hat,
mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehn und blindlings in die Menge zu schießen,
um auf diese Weise mit dem System der Erniedrigung aufzuräumen,
der gehört eindeutig selbst in diese Menge
und trägt den Wanst ständig in Schusshöhe.
E-Mail an Black Sunshine senden Fügen Sie Black Sunshine in Ihre Kontaktliste ein
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Leberkrebs
unregistriert
26.12.2007 19:22 Diesen Beitrag einem Moderator melden Zum Anfang der Seite springen

Ich wurde 1980 in Rheinland-Pfalz eingeschult. Von der Grundschule an gab es zwei Kopfnoten für Betragen eine und für Mitarbeit. Unter Mitarbeit wurden verschiedene kriterien zusammengefasst: Regelmäßiger Unterrichtsbesuch, Aufzeigen und an die Tafel kommen, Hausaufgaben ordentlich machen, keine verschmierten Hefte haben, usw... Beide Kopfnoten wurden regulär mit dem System 1 bis 6 benotet. wobei es 1 oder 6 nie gab, aber dazwischen kam alles vor.
Fälle die zum Halbjahr in beiden Kopfnoten eine 5 hatten, wurde der Schulverweis angedroht. Unabhängig von den wirklichen Versetzungsnoten. Mir ist ein Fall bekannt der mit einem Versetzungsdurchschnitt von 2,2 von der Schule fliegen sollte, weil ständig auffällig. Allerdings muss man sagen das normalerweise 5er in Kopfnoten auch sonst 5er waren.
Arne Kroger
unregistriert
27.12.2007 03:07 Diesen Beitrag einem Moderator melden Zum Anfang der Seite springen

Ich kann mich nicht entsinnen, dass wir in der Grundschulzeit überhaupt eine Lehrerin gehabt hätten, bei der man es sich hätte erlauben können, eine 5 in Betragen oder bei irgendeiner Kopfnote zu bekommen.
Die hatten alle noch entweder selber ihre Grundschulzeit oder aber sogar ihr Studium zwischen 33 und 45 gemacht.

Und offenbar konnten die noch mehr als die heutigen Pauker. Warum das so ist, weiß ich nicht. Sind aber in der Pädagogik einige Tendenzen zu beobachten, die zwar nicht in die Richtung gehen, dass es wieder rückwärts geht, aber die neueren Forschungen setzen nicht mehr unbedingt auf jeden Laissez-Fair-Stil, der lange Zeit mal in war, als die Pauker, die heute unterrichten, zur Schule gingen.
Leberkrebs
unregistriert
28.12.2007 17:24 Diesen Beitrag einem Moderator melden Zum Anfang der Seite springen

Schule und Hartz-IV ist eigentlich sehr ähnlich.In beiden Fällen wird man zu Tätigkeiten mit Bedrohung gezwungen.In der Schule gibts die 5 und Elternzirkus, bei Hartz-IV gibts Entzug der Lebensmittel.In Der Schule versprechen sie einem noch, man hätte als Erwachsener dann mehr Rechte.Sobald man erwachsen ist, fliegt auf das man genauso weiter verarscht wird.

MAUS

Too old to die young

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01.02.2008 08:38 Diesen Beitrag einem Moderator melden Zum Anfang der Seite springen

NRW-SchülerInnen demonstrieren gegen Kopfnoten
Düsseldorf (NRhZ/jw, 14.1.) Die Landesschülervertretung NRW mobilisiert für den 19. Januar zu einer »großen Schülerdemo« in Düsseldorf. „Die Resonanz auf unseren Demoaufruf ist jedenfalls enorm“, erklärte Pia-Theresa Lücker, Vorstandsmitglied der LSV am Montag in einem Interview mit der Zeitung junge Welt. In NRW wachse der Unmut über die Absicht der Landesregierung, den Charakter von Schülern zu bewerten. Als das neue Schulgesetz vor zwei Jahren beschlossen wurde, waren schon einmal 2 000 Schüler auf der Straße. Jetzt, da die Änderungen umgesetzt und spürbar würden, rechne sie mit einer deutlich stärkeren Beteiligung. Lücker: „Die erstmalige Vergabe von sechs Kopfnoten auf das Leistungs- und Sozialverhalten an den Schulen in Nordrhein-Westfalen stößt auf heftige Kritik bei Schülern, Eltern, Lehrern und Experten. Und auch sämtliche Oppositionsparteien im Landtag lehnen die Maßnahme ab.“ Sie rufe bei vielen ungute Erinnerungen an das deutsche Kaiserreich wach. „Kopfnoten wurden ursprünglich in Preußen eingeführt mit dem Ziel, Zucht und Ordnung in deutschen Klassenzimmern herzustellen. Sie sollen Lehrkräfte dazu bringen, mehr Druck auszuüben und Schüler zu disziplinieren. Die Folge wird sein, daß immer mehr Duckmäusertum, Angepaßtheit und Schleimerei um sich greifen werden.“

http://www.nrhz.de/flyer/suche.php?resso...ssort_menu=News



Lokales
Demonstration gegen die Landesregierung „am Tag danach“
Die Kopfnoten sind los in NRW...
Von Peter Kleinert und der Umwelt-ProjektWerkstatt Hürth


Pünktlich mit den Halbjahreszeugnissen waren sie am Freitag da und hagelten mit den anderen Zensuren auf die SchülerInnen ein: die Kopfnoten. Einige tausend davon Betroffene waren am Samstag - dem „Tag danach“ - einem Aufruf der Landesschülervertretung zur Demonstration gegen die Landesregierung gefolgt. Auch GEW, SPD und Grüne, Eltern, LehrerInnen und sogar die Kirchen sprechen sich gegen die Kopfnoten aus: Die sechs neuen Noten stigmatisierten Schüler, seien nicht vernünftig zu begründen. Sogar die Offene Umwelt-ProjektWerkstatt Hürth des BUND hat uns zu dem Thema einiges geschrieben, das Bestandteil dieses Beitrags geworden ist.

Protest gegen Kopfnoten

Kopfnoten widersprechen jedem humanistischen Weltbild. Sie sollten also in einem vorgeblich demokratischen Land nicht vorkommen. Kopfnoten schaffen eine zusätzliche Verstärkung des unerträglichen Leistungs- und Anpassungsdrucks, der einzig auf kapitalistisch verwertbare Vergleichbarkeit ausgerichteten menschenverachtenden Logik von Profitinteressen, in denen Menschen nichts, sondern nur Zahlen zählen.

Regierungsamtlich verordnetes Mobbing

Mit ihnen hält regierungsamtlich verordnetes Mobbing offiziell wieder in Schulen der BRD Einzug. Ein Rückfall in die 1950er Jahre; ja Kopfnoten in sechs Kategorien versetzen die Bildungslandschaft noch weiter, bis in die Kaiserzeit und die der sozialdarwinistischen Vordenker der Elitenbildung zurück. Manche meinen sogar, bald werde in Deutschland auch die (braune?) Schuluniform wieder Einzug halten. Das dreigliedrige System der weiterführenden Schulen führt ja ohnehin schon zu Aufspaltung und Selektion zugunsten des versteckten aber immer noch vorhandenen Klassen- und Ständesystems.

Wenig ist in den letzten Jahren passiert, um allen Menschen wieder eine echte Chance auf demokratische Beteiligung an der Bildung zu geben. Im Gegenteil: durch Privatschulen und Elite-Unis wird Bildung mehr und mehr nach dem Marktdiktat der Oligopole und den Forschungsergebnissen privatwirtschaftlicher Institute, vorwiegend von Bertelsmann (CHE) und Springer betrieben. Die Aus- und Weiterbildung von PädagogInnen an den Hochschulen steht dagegen auf immer wackeligeren Säulen und ist Teil des allgemeinen Sozialabbaus.

Bildung für Alle bald nur noch im Museum?

Bildung für Alle als öffentliches Gut wird so bald nur noch in Museumswerken (gegen Eintritt versteht sich) zu bestaunen sein. Zwar raten manche dazu, Widerspruch gegen Kopfnoten, die schlechter als „sehr gut“ sind, einzulegen, doch allein die Tatsache, dass die gewöhnliche Notengebung für die Wertung des „Betragens“ angewandt wird, zeigt, wie menschenverachtend diese Maßnahme der Landesregierung ist.

Landes- und BezirksschülerInnenvertretung und Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordern daher schon seit Monaten die rigorose Abschaffung der Kopfnoten. Sogar in Zeitungen wird von einer „Notenorgie“ gesprochen, die das „Vertrauensverhaltnis“ in den Schulen zerstöre.

Nicht weit entfernt von Koch

Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) bezeichnet dagegen Kopfnoten als „sinnvollen“ Bestandteil von „Erziehung“. Der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" erklärte sie, schließlich gehe es in der Schule nicht nur um Wissen und Kundigkeit in den einzelnen Fächern, es gehe auch um soziale Aspekte und Kompetenzen. Womit sie ja nicht Unrecht hat, nur wird man die durch diese Art der Bewertung kaum fördern.

Unter einer Note könnten sich die Kinder etwas vorstellen, so NRW-Bildungsministerin Sommer (CDU) und erklärt deshalb Kopfnoten sogar als Förderungsmittel für die Sozialkompetenz. In einem Interview im Deutschlandfunk erklärte sie: „Wir wollen, dass Schülerinnen und Schüler etwas wissen über ihre Persönlichkeit.“ Und im Kölner Stadt-Anzeiger wird sie mit dem Satz zitiert: „Aber solange wir die politische Verantwortung in Nordrhein-Westfalen haben, wird es Kopfnoten geben." Weit entfernt vom hessischen Erziehungslagerministerpräsidenten Koch (CDU) und seiner Kultusministerin ist sie damit nicht mehr. Dieser ist es sogar egal, wenn in privaten und öffentlichen Schulen wissenschaftsfeindliche KreationistInnen die Evolutionslehre leugnen oder andere reaktionäre Unterrichtsformen anwenden. Wo solche Wege in der Vergangenheit hingeführt haben, ist in den besseren Geschichtsbüchern nachzulesen.

Seriöse Pädagogen wissen, dass Kopfnoten weder der Verbesserung des Unterrichts diesenen, noch einen pädagogischen Zweck erfüllen. Sie tragen nicht zu mehr Partizipation oder zur Förderung einer gesellschaftlichen Wissensbasis bei, sondern schüchtern im Gegeteil die SchülerInnen nur ein und schaffen eine beklemmende und lernfeindliche Atmosphäre im Schulalltag, LehrerInnen werden so zu Feinden gemacht, und manche lassen sich ohne Widerstand auch dazu machen. Und schließlich: Kopfnoten helfen auch nicht beim Berufseinstieg. Die Unternehmen können nichts Sinnvolles damit anfangen, weil sie keinerlei Aussage über mögliche fachliche Eignungen der Lehrstellenbewerber machen. (PK)

Online-Flyer Nr. 130 vom 23.01.2008
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=11992

HOFFNUNG IST DER IRRSINNIGE GLAUBE AN DAS UNMÖGLICHE
E-Mail an MAUS senden
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Leberkrebs
unregistriert
05.02.2008 02:30 Diesen Beitrag einem Moderator melden Zum Anfang der Seite springen

Duckmäusertum ist genau das, was die Bonzen wolllen. Nur ja jede Verarschung erdulden, und ja nie aufmucken. Nur so lässt sich weiter Profit auf Kosten des Dummvolks erzielen. Wie bei Onkel Dagobert: Wenn ich 1 MILLIARDE Profit mache, kriegst Du zur Belohnung 10 Taler mehr. Aber bete mich dafür als Gott an und krieche zu meinen Stiefeln.

MAUS

Too old to die young

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12.02.2008 12:45 Diesen Beitrag einem Moderator melden Zum Anfang der Seite springen

Kultur und Wissen
Das deutsche Schulsystem betont den Klassengeist
Elitäre Exzellenz
Von Annett Mängel


Der Jubel war groß bei den sechs Universitäten, die in der jüngsten Exzellenzrunde reüssieren konnten und nun im Volksmund „Eliteuni“ heißen. Gemeinsam mit den schon im Jahr zuvor platzierten können sie sich nun über einige hundert Millionen Euro zusätzlich zur Finanzierung ihrer Exzellenzinitiativen freuen: vornehmlich Doktorandenprojekte und Graduiertenkollegs. [1]

Mehr Geld für die Spitzenforschung ist eigentlich eine gute Sache, könnte man meinen. Nun ist die Bundesrepublik aber laut des jüngsten OECD-Bildungsberichts genau an einem Punkt bereits Spitze: bei der Zahl der „Absolventen in weiterführenden Forschungsprogrammen“, sprich bei den Promotionen. Dagegen krankt das deutsche Bildungswesen wie gehabt vor allem an einem: In keinem anderen vergleichbaren Land ist die soziale Herkunft so entscheidend für den erlangten Bildungsgrad und nirgends wird so früh in verschiedene Bildungsgänge aufgeteilt wie hier, was sich nicht zuletzt in der geringen Zahl der Studienanfänger niederschlägt.

Einbruch bei den Studienanfängerzahlen

Während also insgesamt knapp zwei Milliarden Euro für Sonderprogramme den gekürten „Eliten“ sowie Einzelprojekten auch an anderen Hochschulen zur Verfügung gestellt werden, bröckelt zugleich die universitäre Basis von morgen. Deutschland bleibt damit weit davon entfernt, bei höheren Bildungsabschlüssen an vergleichbare Länder anzuschließen.

Im Gegenteil: Seit der Aufhebung des Studiengebührenverbots durch das Bundesverfassungsgericht im Jahre 2005 brachen die Studienanfängerzahlen im gesamten Bundesgebiet ein. Während zum Wintersemester 2005/2006 mehr als 356.000 Studienanfänger gezählt wurden, waren es ein Jahr später lediglich 295.000, ein Rückgang um 17 Prozent. Obgleich die Anzahl der Hochschulzugangsberechtigten stieg, öffnet sich auch die Schere zwischen Studienberechtigten und Studienanfängern: Zum Wintersemester 2006/2007 nahmen nur 60 Prozent der Schulabgänger mit Studienberechtigung ein Studium auf, zwei Jahre zuvor waren es noch 79,2 Prozent.[2] Es ist zu erwarten, dass diese nun auch stärker auf den Ausbildungsmarkt drängen und so Real- und Hauptschüler noch geringere Aussichten auf Ausbildungsplätze haben werden. Hinzu kommt, dass diese auch zunehmend von den Bachelor-Absolventen verdrängt werden dürften.

Nun sind drohende oder bereits erhobene Gebühren nicht der einzige Grund, warum Schulabgänger nicht studieren. Doch sie verstärken die schon in der Schule praktizierte soziale Selektion: Überdurchschnittlich häufig verhindern (drohende) Studiengebühren sowie die Angst vor Bafög-Darlehensschulden die Aufnahme eines Studiums gerade bei Kindern nichtakademischer Eltern. Ein Problem, das sich Kindern aus besser situierten Häusern gar nicht stellt. Nicht nur, dass sie sich die bis zu 500 Euro pro Semester oft problemlos leisten können, auch starten sie nach dem Studium ohne Schulden in das Berufsleben.

Erschwerend kommt hinzu, dass die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge hierzulande arg verschult sind. [3] Dies macht es so gut wie unmöglich, neben dem normalen Studium zusätzlich seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen, obgleich dies mittlerweile sogar für Bafög-Empfänger nötig ist: Denn während nicht einmal 50 Prozent der Geförderten [4] den Bafög-Höchstsatz von derzeit 585 Euro erhalten (die durchschnittliche Förderung liegt bei 376 Euro), deckt selbst dieser nicht die anfallenden Lebenshaltungskosten. Nach langem Zögern hat deshalb die Koalition nun immerhin eine Erhöhung um zehn Prozent vereinbart; und zugleich sollen auch die Elternfreibeträge steigen. Dieser Schritt war lange überfällig – und dürfte dennoch nicht dazu führen, dass die Studienanfängerzahlen sogleich wieder steigen.

Frühe Auslese statt intensiver Förderung

Während nämlich die 29 anderen wichtigsten Industrienationen in den letzten zehn Jahren im Durchschnitt 41 Prozent mehr Studienanfänger zu verzeichnen hatten, legte die Bundesrepublik im gleichen Zeitraum nur um fünf Prozent zu. Das liegt jedoch nicht nur an der zunehmenden Angst vor der Aufnahme eines Studiums, sondern auch an der geringen Zahl derer, die überhaupt die Hochschulzugangsberechtigung erlangen. Mit lediglich 38,8 Prozent studienberechtigten Schulabgängern bleibt die Bundesrepublik weit hinter dem OECD-Mittel zurück: Im Schnitt verfügen in den OECD-Ländern zwei Drittel aller Schulabgänger über die Möglichkeit, ein Studium aufzunehmen. [5]

Hierzulande jedoch sorgt das dreigliedrige Schulsystem nach wie vor dafür, mit früher Auslese die Klassengesellschaft zu erhalten: Kein vergleichbares Land sortiert Kinder schon so früh in bestimmte Schulen und weist ihnen damit bereits im Alter von zehn Jahren zu, ob sie vermeintlich das Abitur schaffen werden oder nicht. Denn einmal aufgegliedert, ist zwar ein Abstieg jederzeit möglich, der Aufstieg von der Hauptschule zum Gymnasium kommt jedoch kaum vor.

Und dabei ist es regelmäßig nicht die individuelle Leistung, die darüber entscheidet, welche Empfehlung die Schule nach der vierten Klasse ausspricht, sondern diese hängt maßgeblich vom sozialen Status der Eltern ab. Inzwischen haben diverse Studien nachgewiesen, dass bei gleicher intellektueller Leistung die Chance für ein Kind aus bildungsfernem Elternhaus, eine Gymnasialempfehlung zu erhalten, wesentlich geringer ausfällt als für ein Kind aus der bildungsnahen Mittelschicht. [6]

Bereits im Grundschulalter unterscheiden sich auch die Bildungswünsche der Kinder selbst eklatant: Insgesamt wünschen sich 40 Prozent der Schüler einen Gymnasialabschluss; dabei benennen Kinder aus der „Unterschicht“ dieses Ziel nur zu 20 Prozent, während Kinder aus der „Oberschicht“ zu 81 Prozent wünschen, das Abitur zu machen. Das angestrebte Bildungsziel unterscheidet sich im Übrigen von der Einschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit: Aus der Oberschicht sind es mit 74 Prozent weniger und aus der Unterschicht mit 28 Prozent mehr Kinder, die sich als gute bis sehr gute Schüler einschätzen, im Vergleich zu jenen, die ein Abitur anstreben. [7] Während folglich Kinder aus bildungsfernen Schichten selbst bei intellektuellem Vermögen oft nicht davon ausgehen, einmal das Abitur zu machen, zweifeln Kinder gutsituierter akademischer Eltern selbst bei mangelnder Leistungsfähigkeit nicht daran, dass sie es ihren Eltern einmal gleichtun werden.

Unüberwundene Altlasten

Bereits 1947 hatte der alliierte Kontrollrat über die deutsche Schule geurteilt: „Der Aufbau des deutschen Schulsystems betont den Klassengeist. Schon im Alter von 10 Jahren sieht sich das Kind eingruppiert oder klassifiziert durch Faktoren, auf die es keinen Einfluss hat, wobei die Einstufung fast unvermeidlich seine Stellung für das ganze Leben bestimmt. Diese Haltung hat bei einer kleinen Gruppe eine überlegene Haltung und bei der Mehrzahl der Deutschen ein Minderwertigkeitsgefühl entwickelt, das jene Unterwürfigkeit und jenen Mangel an Selbstbestimmung möglich machte, auf dem das autoritäre Führerprinzip gedieh.“ [8]

Nun muss man heute nicht gleich drohenden totalitären Geist beschwören, aber erstaunlich ist das unbeirrbare deutsche Beharren auf der frühen Auslese schon. Denn anstatt weiterhin Kinder viel zu früh in gute und schlechte Schüler zu unterteilen, wäre es angeraten, so viele wie möglich zu einem qualifizierten Schulabschluss zu bringen. Und um dies zu erreichen, müssen Kinder so lange wie möglich gemeinsam lernen – das zeigen die auf kooperatives Lernen ausgerichteten Gemeinschaftsschulen in Finnland ebenso wie die eher aufs Pauken abzielenden Schulen Südkoreas.

Zwar wird hierzulande neuerdings verstärkt über die Abschaffung der Hauptschule diskutiert, deren Absolventen kaum noch Ausbildungsplätze zur Verfügung stehen, doch an der frühzeitigen Aufteilung der Schüler – die einen aufs Gymnasium, die anderen auf die Schule für den „Rest“ – soll sich beispielsweise weder in Hamburg noch in Rheinland-Pfalz oder Schleswig-Holstein etwas ändern. Es sind vor allem die Gymnasien, die sich vehement einer Öffnung widersetzen. So auch in Berlin, wo der rot-rote Senat mit einer Pilotphase in die Schaffung von Gemeinschaftsschulen von der ersten Klasse bis zum Abitur einsteigen will: Unter den Bewerbern finden sich alle Schultypen – bis auf das Gymnasium. So wird der eigene Bildungsvorsprung auf Kosten jener verteidigt, die keinen bildungsbürgerlichen Hintergrund haben.

Der Darmstädter Soziologe Michael Hartmann hat jüngst eindringlich gezeigt, wie sich die bundesdeutsche Elite weiterhin und – das ist das Erschreckende – seit einigen Jahren wieder verstärkt aus sich selbst reproduziert. Ganz offenbar hat sie kein Interesse daran, die Konkurrenz für die eigenen Kinder durch eine durchlässigere Bildungspolitik in Schulen und Hochschulen zu erhöhen. [9]

Es ist also nicht sehr erstaunlich, dass der nach jeder Pisa-Studie aufkommenden medialen Empörung über die Ungerechtigkeiten des bundesdeutschen Bildungssystems kaum nachhaltige Politikentscheidungen folgen. So bleibt es bis auf weiteres dabei, dass Kinder aufgrund ihrer sozialen Voraussetzungen mit ungleichen Chancen in ihre Bildungskarriere starten und die Gesellschaft sich kaum mehr um einen Ausgleich kümmert.

Förderung der Leselust

Vielmehr sorgen nicht zuletzt die jüngeren Sozialreformen für eine weitere Verschärfung: So sieht der Hartz-IV Regelsatz beispielsweise 2,72 Euro pro Tag für die Verpflegung von Kindern vor. Das Schulessen kostet, sofern es überhaupt eine Kantine gibt, jedoch oft bereits zwei Euro. Da wundert es nicht, dass heute viele Kinder hungrig dem Unterricht folgen. Und während Kinder aus gutsituiertem Hause sich auch in ihrer Freizeit musikalisch, sportlich oder auf andere Weise bilden, bleibt dies Kindern aus armen Elternhäusern oft versagt. Und wenn pauschal im Jahr lediglich 9,10 Euro für Spielzeug zur Verfügung stehen, dann liegt auf der Hand, dass selbst der Wunsch nach einer Kinderzeitschrift, einem Comic-Heft oder dem neuesten Harry-Potter-Band kaum zu erfüllen ist. Das ist umso dramatischer, als gerade die Möglichkeit zum und die Lust am Lesen großen Einfluss auf den Bildungserfolg hat: „Jedenfalls korreliert nichts so eng mit guten Pisa-Werten wie die Lesefreude und die Menge von Lesestoff im Haushalt.“ [10]

Wenn Bücher in Familien nicht zur Verfügung stehen, sei es aus finanziellen Gründen oder auch aus elterlichem Desinteresse, dann muss die Gesellschaft ein umso größeres Interesse daran haben, diesen Mangel zu kompensieren – schon um den steigenden Bedarf an gut ausgebildeten Absolventen zu decken. Daher müssen die Schulen in die Lage versetzt werden, dafür zu sorgen, dass alle Kinder bereits ab der ersten Klasse eine Bibliothek kennenund zu nutzen lernen. Und die Kommunen müssen die Möglichkeit behalten, flächendeckend Bibliotheken oder in ländlichen Räumen, Bibliotheksbusse zu unterhalten.

So sehr sich der Forschungsstandort Deutschland über die neuen Eliteunis freuen mag, er sollte nicht aus den Augen verlieren, dass die Grundlage für erfolgreiche Forscherinnen und Forscher in der Kinderzeit gelegt wird. Deshalb kann man nicht früh genug damit beginnen, alle Kinder in ihrem Lerneifer zu unterstützen und zu fördern. Dafür jedoch bräuchten auch die Schulen und Kindergärten endlich ein immerwährendes Exzellenz-Programm. (CH)

Online-Flyer Nr. 132 vom 06.02.2008
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=12058

HOFFNUNG IST DER IRRSINNIGE GLAUBE AN DAS UNMÖGLICHE
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