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Warum Anarchie nicht funktionieren kann
23.09.2007 23:44 |
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Da es in letzter Zeit einige Anmerkungen zum Thema Anarchie gab, hier mal mein aktuelles Statement:
Anarchie heißt zuerst einmal nur Herrschaftslosigkeit. Also nicht Chaos oder "Ich mach jetzt was ich will"-Staat. Das sind zwar geläufige Meinungen über Anarchie aber es kommt dem Begriff und der Grundidee in keinster Weise nahe (ich gehe einfach mal davon aus, dass diejenigen, die diesen Begriff in die Sprache "einführten" damit ein System auch "sinnvoll" bezeichnen wollten.) Zusammenfassend: Anarchie = Keiner herrscht.
Nun lässt sich dieser Gedanke auch in demokratischer Form umsetzen, indem man sagt: Alle herrschen. Mit dieser Umsetzungsidee möchte ich anfangen:
Nehmen wir also an, Deutschland wird in kleine Gruppen aufgeteilt, die jede für sich alle Entscheidungen basisdemokratisch abstimmen. Dabei bleiben natürlich einige auf der Strecke aber jeder hat Anteil an der Herrschaft. (keine 100% Anarchie aber ein Kompromiss). Was daran aber nicht funktioniert ist die Tatsache, dass man zum Überleben (in der aktuellen Form, also mit Technik und dem ganzen angenehmen, hilfreichen Zeugs) Spezialisierungen braucht. Und da man nicht erwarten kann, dass die Menschen sich wie von selbst an Pläne und Regeln halten und z.b. automatisch (ihrem Willen und ihren Ideen folgend) die Dinge umsetzen, die zum Wohl aller geplant sind, braucht es "(an-)leitende Persönlichkeiten".
Problem: Diese Persönlichkeiten oder auch die Gruppe stellen Regeln auf. Ohne ein Herrschaftsgefälle wird es aber nun nicht möglich sein diese Regeln durch eine Autorität (Gerichte und Polizei) durchzusetzen. Beim Bruch einer Regel bekommt die Gruppe ein Problem: Wer setzt die vorher festgelegte Bestrafung durch und wie geschieht das ohne einen Menschen dadurch in seinen Rechten einzuschränken und somit in der Hierachie niedriger zu stellen?
Eine Möglichkeit wäre, dem Anarchismus ein Recht auf Selbstverteidigung einzuräumen, d.h. anzunehmen, dass Menschen, die uneinsichtig sind, nicht an diesem System teilnehmen wollen und somit auch keine Berichtigung haben dessen Vorteile zu geniessen.
Ähm ja, ich habe mich sowieso schon total verwurschtelt und irgendwie dieses Basisdemokratiezeug reingebracht, obwohl ich was anderes schreiben wollte.
Daher mal angenommen, wir leben alle ohne Herrschaft zusammen. Die öffentliche Ordnung besteht weiterhin, d.h. Ampeln regeln den Verkehr an unübersichtlichen Stellen, man darf nicht 250 im Ort fahren, etc...
In dem Fall treten einige der oben geschilderten Probleme auf.
1. Einsicht von allen wäre schön, ist aber mMn nicht zu erwarten. Mit einer "vernünftigen" Menschheit würde das alles natürlich prima funktionieren aber die bleibt mMn ne Utopie (dagegen kann man ruhig argumentieren).
2. Das Problem mit dem Bruch der Regeln, s.o.
3. ach ich weiß ja auch nicht und schick den Beitrag jetzt unfertig ab......
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Ich schilder dir nun meinen Traum der Anarchie, in dem ich mich nun schon seit längerer Zeit gern hineinträume, der aber völlig unrealisierbar ist (welcher sich aber komplett von deiner Form unterscheidet):
Mein Haus, mein Garten, Mein Grundstück, Mein Vieh (aber nicht zum schlachten), mein Brunnen, oder ein Gemeinschaftsbrunnen. (was aber wieder zu Problemen führen könnte).
Strom muss nicht sein, möglichst unbesiedeltes Gebiet (natur), alleine oder mit höchstens 2 anderen Personen leben (aber dann wirklich gute Freunde/Partner), Arbeiten nur für sich, seine Nahrung, sein Leben (und da kommen wir zum wichtigsten Teil), UNABHÄNGIGKEIT. Keine Steuern, keine Abgaben, kein "wir" und kein "ihr", kein Staat, keine (lebensbeinträchtigenden) Regeln.
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"And manifest the daydream
Like those who fell before
And glorify our small attempts
And hate ourselves no more
Blow words between these sucker's teeth
And bind these panicked hands
Lose your heart like a clumsy bell
Please be well"
-Horses in the Sky
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Arne Kroger unregistriert
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Also, @Tzakahra, Demokratie, auch nicht der völlig undefinierte Begriff der Basisdemokratie hat nix mit Anarchie zu tun.
Demokratie ist Diktatur der Mehrheit, egal, wie sie ausgeführt wird.
Wie wäre es, nicht systemorientiert an die Frage ran zu gehen, sondern eher so wie @atreju, von den Bedürfnissen des Individuums aus.
Jeder formuliert seine Bedürfnisse, und daraus entsteht dann evtl. ein übegeordnetes Modell, sofern notwendig. Wer also mit Menschen zusammenleben will, der, und nur der, muss sich auf Spielregeln einlassen, wie das organisiert werden kann.
Ich persönlich würde mich auf Spielregeln einlassen, wenn ich frei bestimmen könnte, mit welchen Menschen ich wo leben möchte.
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Ace unregistriert
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Ein weiteres nicht zu unterschätzendes Problem wäre das unterbewusste Herdenverhalten der Leute sich andauernd abzugrenzen. Womit sie sich dann eigene Rituale schaffen und auch Regeln was der Anfang einer neuen Kulturbildung wäre. Womit man wieder Regeln hätte und da wäre wo man angefangen hat und dies somit kein richtiger Anarchismus wäre.
Allerdings bin ich eher dafür das alles erstmal auszuprobieren. Eine gewisse Anzahl an Leuten, spontan sage ich einfach mal 5000, leben alle auf einem Anarchistischen Versuchsterrain. Daneben noch eins mit weiteren 5000 die in einem anderen Versuchssystem leben. Soziologen, Anthropologen, Pädagogen etc überprüfen und bewerten die Systeme nach bestimmten Kriterien. Auch neue theoretische Systeme werden dabei ausprobiert. Womit man sich dann genauere Eindrücke von den verschiedenen Systemen verschaffen kann. Sonst wird auch erstmal alles getestet bevor es angewandt wird, warum dann auch nicht mit Systemen?
Dieser Beitrag wurde 1 mal editiert, zum letzten Mal von Ace am 24.09.2007 08:31.
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Ace unregistriert
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| Zitat: |
| Ernsthafte Frage? Weil die zur Zeit Mächtigen überhaupt kein Interesse daran haben, dass du kleines Individuum irgendwelche Erkenntnisse über fremde Systeme und wie es vielleicht anders laufen könnte bekommst. |
Und genau diese Aussage wird als derartig selbstverständlich erachtet womit viele erst gar nicht auf die Idee kommen wie sie es besser machen könnten. Was die Mächtigen für ein Interesse daran haben spielt keine Rolle sonst müsste man deiner Einstellung nach auch die ganze Gesellschaftskritik unter anderem auch hier abstellen da irgendwelche Mächtigen daran kein Interesse haben. Was zumindest mir egal ist, in einem demokratischen Staat wäre es rein theoretisch möglich das von mir vorgeschlagene umzusetzen wenn mehr Leute aufgeklärt wären. Und genau dieses Projekt wo man Systeme ausprobiert will ich nicht vorenthalten.
| Zitat: |
| Du sollst hier arbeiten, Steuern zahlen, schön konsumieren, vielleicht mal wählen und das wars. Wer denkst du, bringt die Tausende Menschen zusammen, um das Experiment zu starten? Das interessiert keine größere politische oder kommerzielle Gruppe. |
Einerseits hast du Recht aber andererseits hörst du dich schon selber an wie einer dieser Politiker die erstmal nach dem finanziellen Fragen anstatt zu schauen ob man das System besser nicht umändern sollte. Würden mehr Leute davon hören und aufgeklärt werden wäre es nur noch eine Frage der Zeit. Weil sich solche politischen Gruppen später bilden könnten die dieses Projekt in ihrem politischen Programm haben.
Dieser Beitrag wurde 1 mal editiert, zum letzten Mal von Ace am 24.09.2007 10:17.
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dian unregistriert
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@ Tzakahra:
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| Was daran aber nicht funktioniert ist die Tatsache, dass man zum Überleben (in der aktuellen Form, also mit Technik und dem ganzen angenehmen, hilfreichen Zeugs) Spezialisierungen braucht. |
Ich habe nie verstanden, warum Spezialisierungen in einer Welt ohne hierarchische Strukturen angeblich nicht möglich sein sollen.
Wer hindert den am Tischlerhandwerk interessierten jungen Menschen denn daran, bei einem erfahrenen Tischler in die Lehre zu gehen? "Eine Lehre machen" muss ja nicht zwangsläufig Unterordnung und ständiger Leistungsdruck bedeuten, so wie das heute viel zu oft der Fall ist.
Man kann sich auch auf Augenhöhe begegnen, nicht von Meister zu Schüler, sondern von Mensch zu Mensch.
| Zitat: |
| Und da man nicht erwarten kann, dass die Menschen sich wie von selbst an Pläne und Regeln halten und z.b. automatisch (ihrem Willen und ihren Ideen folgend) die Dinge umsetzen, die zum Wohl aller geplant sind, braucht es "(an-)leitende Persönlichkeiten". |
Ehrlich gesagt, würde ich liebend gern auf die ganzen sogenannten "Spezialisten" verzichten, die alle so tun, als ob sie die Menschheit voranbringen würden, obwohl es ihnen letztlich doch nur um ihren eigenen Vorteil geht.
Ich scheiß auf den Computerexperten, der seine Arbeit nicht aus Faszination und Begeisterung für die Materie heraus ausübt, sondern nur des Geldes wegen!
Ich scheiß auf den Arzt, der nicht deshalb Arzt geworden ist, weil er sich der Gesundheit seiner Mitmenschen verpflichtet fühlt, sondern weil sein Daddy auch Arzt ist oder weil er gehört hat, dass man da gut Karriere machen kann!
Auf diese ganzen Heuchler kann ich sehr gerne verzichten.. und es wird immer auch begeisterte Ärzte, Techniker oder was auch immer geben, die ihren Beruf wirklich als Berufung ansehen und nicht nur als Möglichkeit, sich über andere zu stellen.
Es werden sicher nicht mehr so viele sein wie heutzutage... aber dass Anarchie möglich ist, ohne dass ein gewisser Gesundschrumpfungsprozess stattfindet, hat ja auch niemand behauptet. Klar wird und muss es materielle Abstriche im Vergleich zu unserer heutigen Überflussgesellschaft geben.
Doch dass sich die Menschen ohne eine harte Hand, die sie antreibt und prügelt, wieder zu Schimpansen zurückentwickeln, die keine komplizierteren Tätigkeiten mehr ausüben können, kann ich mir nun wirklich nicht vorstellen.
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Arne Kroger unregistriert
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@Ace:
Die Menschen hatten jahrzehntelang Zeit in der BRD, mal ein anderes System kennenzulernen und haben sich auf die blöde Propaganda der Wirtschaft verlassen, dass in der BRD alles besser sei als wie in der DDR.
Warum sollte das jetzt anders sein?
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Wenn man ein Machtvauum schafft wird jemand kommen und es ausfüllen, einfach, weil ihn niemand daran hindern kann.
Zumindesten die meisten vorstellbaren Anarchien schaffen sich deswegen auch gleich selbst wieder ab.
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"Do you believe in free will?" "I have no choice."
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Arne Kroger unregistriert
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Naja, wenn wir nicht mal wissen, was "Anarchie" sein soll, wie soll man dann sagen, dass es sie jemals gegeben hätte.
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Die Beseitigung einer zentralen, institutionellen Macht und die Erschaffung lauter kleiner Mini-Staaten (die meinetwegen auch basisdemokratisch organisiert sein können), würde ich nicht als Anarchie bezeichnen.
Zudem habe ich ein Problem mit dem Begriff "Machtvakuum", da ich frei nach Foucault Macht nicht primär als repressives Instrument begreife, das irgendeine Gruppe/Klasse besitzt, sondern eher als strukturelles Moment einer gesellschaftlichen Organisationsform. Der bürgerlich-demokratische Staat und seine Form der Machttechnik, die sich jenseits gesetzgebender und ausführender Instanzen vorallem auf eine bestimmte Form der Subjektivierung (z.B. durch Schulen, öffentliche Diskurse, aber vorallem ganz generell ökonomische Zwangsverhältnisse) stützt (d.h. der Art und Weise, wie sich Individuen selbst sehen und welche Lebensweise sie wählen), ist im Grunde die strukturelle Organisation des Kapitalismus.
Neben der Frage, wie sich feste Herrschaftsverhältnisse angehen lassen, muss also auch die Frage gestellt werden, wie menschliches Leben bzw. die Erfüllung menschlicher Bedürfnisse auf eine Weise gemeinschaftlich organisiert werden können, die frei ist von ökonomischen Zwangsverhältnissen einerseits und andererseits von der Art und Weise, wie Menschen als Subjekte mit einem bestimmten Selbstverständnis herangebildet werden.
EIne herrschaftsfrei(re) Gesellschaft lässt sich imho eben nicht allein durch die Beseitigung der institutionellen Gewalt erreichen, ohne Gefahr zu laufen die Herrschaftsverhältnisse erneut zu reproduzieren.
Und da ich wie gesagt nicht an utopische Endzustände glaube, wäre es verfehlt Anarchie als perfektes, fehlerloses Modell zu denken. Die Frage ist eben, wieviel Zwang wir in einer Gesellschaft haben, und wie dieser durchgesetzt wird.
Das Übel der Herrschaft besteht weniger darin, dass Menschen sich an bestimmte Verhaltensregeln halten müssen, sondern darin dass ihnen (direkt oder indirekt) diktiert wird, wie sie ihr Leben zu führen haben, sei es durch konkrete Abhängigkeitsverhältnisse oder subtile Formen der Manipulation.
The Loathsome mask has fallen the man remains
Sceptreless, free, uncircumscribed, but man
Equal, unclassed, tribless and nationless,
Exempt from awe, worship, degree, the king,
Over himself, just, gentle, wise.
Percy Bysshe Shelley
Indessen ist das gerade wieder der Vorzug der neuen Richtung, dass wir nicht dogmatisch die Welt antizipieren, sondern erst aus der Kritik der alten Welt die neue finden wollen. Karl Marx
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Lonewolf,
soll das ein Widerspruch zu meiner Argumentation sein, weil du dich auf den Begriff "Machtvakuum" beziehst oder nur ne Anmerkung, dass du ein anderes Wort schöner finden würdest?
| Zitat: |
| EIne herrschaftsfrei(re) Gesellschaft lässt sich imho eben nicht allein durch die Beseitigung der institutionellen Gewalt erreichen, ohne Gefahr zu laufen die Herrschaftsverhältnisse erneut zu reproduzieren. |
Das soll heissen, man soll was genau tun um die herrschaftsfreie Gesellschaft vor einer Gruppe zu schützen, die Herrschaft oder Macht mit Gewalt anstrebt?
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"Do you believe in free will?" "I have no choice."
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@Xoc: Ich würde den Begriff "Herrschaftsvakuum" in diesem Zusammenhang vorziehen, wenn wir das Fehlen einer zentralen, umfassenden Gewalt meinen - da ich Macht eben eher strukturell begreife, bzw. als Ausdruck einer gesamtgesellschaftlichen Organisation (z.B. des Kapitalismus) die relativ unabhängig von der jeweiligen Gruppe oder Klasse wirkt, die gerade herrscht.
"Das soll heissen, man soll was genau tun um die herrschaftsfreie Gesellschaft vor einer Gruppe zu schützen, die Herrschaft oder Macht mit Gewalt anstrebt?"
So gefragt muss sich natürlich auch die herrschaftsfreie Gesellschaft gegen diejenigen verteidigen, die sie bedrohen. Aber mir ging's hier um was anderes. Ich wende mich gegen die Vorstellung, Anarchismus einfach als Abschaffung der zentralen Staatgewalt zu begreifen; diese Staatsgewalt hat sich historisch etabliert, um die (bürgerliche) Gesellschaft auf eine bestimmte Art und Weise zu verwalten. Z.B. war es zu Beginn der Industrialisierung von großer Bedeutung, die 'gefährlichen Schichten' (z.B. Landstreicher, Tagelöhner) festzusetzen, sowie zunehmend alle Bereiche des Lebens der Überwachung zugänglich zu machen, um so das benötigte Proletariat heranzuzüchten (und das Privateigentum verteidigen zu können). Anders gesagt, ist die institutionalisierte staatliche Gewalt das Produkt einer ökonomischen Organisierung der Gesamtgesellschaft. Wenn man den Staat abschaffen will, muss man ein alternatives Wirtschaftssystem etablieren - ich bezweifle, dass man das eine ohne das andere haben kann (Staat und Kapitalismus). Dieses Problem kommt mir, wie gesagt, in Beschreibungen der Anarchie als reines Fehlen von staatlichen Institutionen etwas zu kurz.
Zur Erläuterung eines dezentralen Machtbegriffs in der anarchistischen Theorie empfehle ich immer wieder gern: www.postanarchismus.net
vorallem den Text von Jürgen Mümken: Keine Macht für Niemand
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Indessen ist das gerade wieder der Vorzug der neuen Richtung, dass wir nicht dogmatisch die Welt antizipieren, sondern erst aus der Kritik der alten Welt die neue finden wollen. Karl Marx
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Ich habe nichts gegen andere Wirtschafts- oder Gesellschaftssysteme, aber bevor ich mich für sie begeistern kann müssen sie mindestens schon mal das Kriterium erfüllen, dass sie nicht aufgrund der Art, wie sie sind, gleich wieder abgeschafft werden.
Und eine Lösung des Problems besteht nicht darin einfach zuzustimmen, dass da wohl irgendwas nötig ist oder wie Jürgen Mümken auf nicht näher definierte "gesellschaftliche Praktiken der Freiheit" zu verweisen, die das angeblich verhindern können.
Inbesondere bezeichnent ist, dass er da auf primitive Gesellschaften verweist, die offensichtlich gescheitert sind (in dem Sinne, dass sie einfach abgeschafft wurden, weil sie nicht konkurenzfähig sind).
Ansonsten sind anarchistische Überlegungen als Analyse unseres Systems u.U interessant, aber als Alternative nicht wert näher bedacht zu werden.
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"Do you believe in free will?" "I have no choice."
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Zum Topic:
Wenn man mich fragt, dürfte sich 'ne reine gesellschaftstheoretische Kopfgeburt, wie das der Marxismus/Kommunismus und auch der Anarchismus darstellen, eigentlich nicht verwirklichen lassen, insofern wir von ihnen als auf eine festgelegte Grundlage gestellte Systeme reden [dass es den 'real existierenden Sozialismus' in der Zone 'mal gab, und dass Castro vielleicht immer noch lebt und de iure kommunistischer König von Kuba - tolle Alliteration, wie ich meine - ist, bestreite ich dabei genauso wenig, wie die 'anarchistischen' Enteignungen und Selbstverwaltungen während des spanischen Bürgerkriegs und in der Ukraine].
Dazu werfe ich dann auch 'mal drei Behauptungen in den Raum, die meines Erachtens ausreichend genug sind, die Idee eines anarchistischen LiLaLaunebärLandes unmöglich machen, bevor ich aus dem Thread wieder auf Nimmerwiedersehen verschwinde.
1) Zuerst: Der Mensch ist (auch) ein Arschloch. Sollte man ihn nicht durch irgendwelche Lobotomien dran hindern, ist es nicht unwahrscheinlich, dass er, auch wenn er in ein anarchistisches Paradies rein geboren würde, aus reiner Bosheit mehr will, als ihm zugestanden wird bzw. er noch weniger arbeiten will oder er einfach Spaß dran hat, die dort herrschenden Strukturen nach besten Kräften zu sabotieren.
So wie das der olle Luzifer schon im Himmel gemacht hat. Und, so wie ich's dereinst wieder im Himmel tun werde, wenn a) Gott mich da reinläßt und er b) an meiner Seele den Freien Willen zum Bösen nicht weg lobotomiert, äh...
2) Der Mensch denkt nicht global. Mir z. B. ist es größtenteils scheißegal, die ganz weit weg von mir sind. Das ist ein Grund, warum man sich über westliche Ausbeutung etc. in der Regel auch keinen Kopf macht. Es gibt natürlich keinen Grund dafür, warum's mir besser gehen sollte, als anderen Menschen, aber man verspürt keine Motivation, sich für irgendwas zu engagieren, wenn man nicht emotional berührt wird. Und das setzt Unmittelbarkeit voraus, die aber nicht hergestellt werden kann.
Eine wesentliche Bedingung zumindest für das kommunistische Heilsversprechen war aber die gute alte Weltrevolution, die meines Erachtens nicht denkbar ist. Bzw. selbst wenn sie gelingen sollte, es bis zum Auftauchen der Vulkanier, Klingonen etc. nicht genügend Identifikationspotential des einzelnen mit der ach so tollen 'Menschheit' gibt, weswegen ein solcher Zustand schneller zerfallen dürfte als ich 'sozialistische Weltrepublik' sagen kann.
3) Dürfte's überaus schwierig sein, dergleichen überhaupt organisatorisch hinzubekommen. Man bräuchte dafür Leute, die so ziemlich dasselbe wollen, ohne dass ihnen irgendwer gesagt hätte, warum. Aber in der Regel sind Leute, die sich für derartige Ideen begeistern, individualistische hedonistische Narzissten, was meines Erachtens eher ein Menschenschlag ist, der gerne Unterschiede thematisiert bzw. der Befriedigung eigener Bedürfnisse ziemlich viel Bedeutung einräumt.
'Indem das parlamentarische Prinzip der Majoritätsbestimmung die Autorität der Person ablehnt und an deren Stelle die Zahl des jeweiligen Haufens setzt, sündigt es wider den aristokratischen Grundgedanken der Natur, wobei allerdings deren Anschauung vom Adel in keinerlei Weise etwa in der heutigen Dekadenz unserer oberen Zehntausend verkörpert zu sein braucht.'
Keine Ahnung was zur Hölle das bedeuten sollte oder worauf ich mich da bezogen habe... Na ja, egal.
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Dafür dass hier niemand eine klare Definiton dessen abgegeben hat, was man als anarchistische Gesellschaft bezeichnen kann (gut, außer @Tzakahra, aber na ja), ist es schon ziemlich interessant wie vehement hier gegen eine grundsätzliche Idee gewettert wird. Wenn man utopische Paradieszustände will, empfehle ich eher den Wachturm anstatt politischer Theorie zu lesen.
Wie gesagt, kann man Anarchismus als Leitidee betrachten - die Frage ist dann, wieviel Zwang bzw. Herrschaft in einer Gemeinschaft ausgeübt wird bzw. werden muss, nicht ob alles was irgendjemand repressiv deuten könnte, beseitigt ist. Es würde mich mal interessieren ob die inneren Widersprüche und Mängel der Demokratie auch automatisch zur Ablehnung der demokratischen Idee führen würden (sollte mal einen entsprechenden Thread aufmachen: Wieso Demokratie nicht funktioniert).
Ansonsten wäre ich grundsätzlich erstmal jedem gegenüber skeptisch, der eine ausformulierte Heilslehre bzw. ideale Gesellschaft am Reißbrett entwirft, anstatt zu versuchen auf einer Basis der Kritik gesellschaftlicher Grundlagen (ökonomischer und ideologischer Natur) mögliche Alternativen aufzuzeigen. Da stütze ich mich doch lieber auf das Adornosche Bilderverbot, bevor ich quasi-religiöse Endzustände propagiere. Negation des Bestehenden ist der Spielraum manigfaltiger Reflexion, die ein simpler Konformismus nie erreichen kann - wenn Menschen anfangen würden zu träumen, anstatt nur zu funktionieren, wäre schon viel gewonnen.
Und @Calgmoth, auf der Feststellung dass manche Menschen indifferente Arschlöcher sind, würde ich keine pessimistische Anthropologie aufbauen wollen.
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Indessen ist das gerade wieder der Vorzug der neuen Richtung, dass wir nicht dogmatisch die Welt antizipieren, sondern erst aus der Kritik der alten Welt die neue finden wollen. Karl Marx
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Was heißt für euch eigentlich "funktionieren"? Friede Freude Eierkuchen wird dabei nicht rauskommen, man muss sich schon mit anderen arrangieren um nicht zertrampelt zu werden. Speziell wenn einige auf technischem Fortschritt beharren während andere ein einfaches Leben anstreben wird es alles andere als friedlich ablaufen, z.B. wenn es um Luftverschmutzung, Lichtverschmutzung, Verkehrswege oder Müllhalden geht (und ich weiß auch schon auf welcher Seite ich sein werde
). Man denke außerdem an vegane oder religiöse Fanatiker, die atreju's Vieh freilassen und ihn in den Stall sperren während sie meinereins (gibt es dieses Wort?!?) auf dem Scheiterhaufen verbrennen, wenn wir nicht aufpassen; und Fanatiker wird's viele geben, wenn jeder seine Kinder erziehen kann wie er will. ^^
Warum ziehen wir eigentlich nicht in eins dieser Länder wo es der Regierung scheißegal ist ob wir arbeiten oder nicht, und bauen da unsere Anarchie auf? Wird Soulmirror dort weiterhin die Musikanlage kontrollieren, oder werden ein paar brave Unitarier plötzlich den Aufstand proben?
BTW, wer Anarchie will kann ja mal in den Keller gehen; Strukturen sind da ja sogar noch oberflächlich erkennbar, aber sobald man sich einen Thread ansieht...
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Obwohl ich hieraus wieder verschwinden wollte [Memo an mich: Entweder konsequenter werden, oder Fresse halten!], doch noch 'n paar Präzisierungen:
Obiger Unsinn bezog sich natürlich auf meine Wolkenkuckucksheimidee von Anarchie, das heißt also schon eher auf das linke Wunderland, in dem Gemeinwille und Individualwille warum auch immer zusammenfallen, nicht auf irgendwelchen real existiert habenden Schmonzes. Und für das gilt meines Erachtens mein Gefasel von oben schon mehr oder weniger.
@Atréju:
Bezog mich mit dem Engagementkram auf direkt-konkrete Entgegenwirkung gegen höchst physische Misstände in nicht wenigen Regionen auf diesem unserem Planeten. Das soll heißen, dass z. B. mir, trotz durch Vermittlung der Medien durchaus vorliegenden Wissens über diverse Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten, ich in keiner Weise dadurch derart motiviert werde, irgendwas da aktiv oder passiv dagegen zu tun. Im Gegenteil, ich beschäftige mich gerne und ausgiebig bloß mit mir selbst. Okay, man mag richtigerweise einwerfen, dass ich wohl eher nicht repräsentativ für die emotionale Kompetenz eines Großteils der Menschheit bin, aber ich erdreiste mich doch, zu sagen, dass eine direkte Kommunikation von Leiden durch 'ne physische Konfrontation mit dem Leidenden tatsächlich viel mehr in der Lage ist, Gefühlchen wie Mitleid (oder, wie bei mir in Indien, Ekel) zu erzeugen, als es distanziert erworbenes Wissen ist.
Getreu dem Stalinschen Motto: 'Ein Toter ist eine Katastrophe (wenn man physisch zugegen ist), eine Million Tote sind eine Statistik (wenn man mit Tintenstrichen mordet).'
@LW:
Hm, das Problem, das wir jetzt immer noch hätten, wenn wir Lust hätten, es zu suchen, liegt darin, dass wir, wenn wir über deine gesellschaftskritischen Ansätze reden wollen würden, voraussetzen müssen, dass ich deinen vagen Traum von Anarchie des nachts auch ab und an träume, oder davon auf andere Weise Kenntnis habe. Denn wenn dem nicht so ist, dann kann ich gar nicht verstehen, worum's dir ja letztendlich doch geht.
Deine Art, Kritik zu üben, bewegt sich ja doch in einem spezifischen Rahmen. Und selbst wenn dein Leitbild tatsächlich diffus und nebelhaft wäre, so besteht vielleicht doch im Laufe von dir mit verursachter gesellschaftlicher Veränderungen, die Notwendigkeit was Konkretes am 'Reißbrett zu entwerfen', weil, wenn das nicht geschieht, plötzlich irgendwann nicht gehandelt werden kann, weil keiner mehr weiß, wohin von dem Punkt, über den bisher nie hinaus gedacht/geträumt wurde, die Reise denn nun hingehen soll.
Weiter könnte man grundsätzlich 'mal die Frage stellen, wieso man sich in irgendeiner Weise an unverwirklichbaren, kopfgeborenen idealen Idealen orientieren sollte, wenn man mit realem Mist konfrontiert ist. Die offensichtlich unüberwindbare Kluft zwischen Realität und Ideal kann einen ja doch nur frustrieren. Weiter sollten sich strukturelle Probleme immer auch irgendwie auf konkrete leidende Individuen runterbrechen lassen sollen.
Und wie du ja weißt, ist (eingebildete) Erkenntnis auch nicht normativ.
Oh, und bloß weil ich dich um meiner wahren Liebe willen so früh vor die Tür gesetzt habe, brauchst du mir indifferentem Arschloch nicht gleich unterstellen, ich würde 'ne pessimistische Anthropologie aufbauen wollen. Dafür bin ich zu faul. Ich behaupte nur, dass die Menschheit scheiße ist, ohne das irgendwie weiter zu begründen. Höchstens durch Verweise auf mich selbst, äh...
'Indem das parlamentarische Prinzip der Majoritätsbestimmung die Autorität der Person ablehnt und an deren Stelle die Zahl des jeweiligen Haufens setzt, sündigt es wider den aristokratischen Grundgedanken der Natur, wobei allerdings deren Anschauung vom Adel in keinerlei Weise etwa in der heutigen Dekadenz unserer oberen Zehntausend verkörpert zu sein braucht.'
Keine Ahnung was zur Hölle das bedeuten sollte oder worauf ich mich da bezogen habe... Na ja, egal.
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